ShopTechTalks #042: eReader-Shop & Co. bei Thalia

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In dieser Episode sprechen wir mit Markus Gruber und Fabian Brauers von Thalia. Zu dem Gespräch kam es, als uns bei der Tech-Analyse des hiesigen Buchmarkts der Blogpost von Markus (Another One Bites the Dust – Wie ein Monolith kontrolliert gesprengt wird… Teil I) ins Auge gefallen war. Ein paar E-Mails später stand der Termin – so einfach kann Podcasting manchmal sein 😉

Thalia gehört zu den größten Buchhändlern im deutschsprachigen Raum, mit einem eigenen Onlineshop und mehr als 300 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Markus und Fabian sind vor allem für den eReader-Shop verantwortlich: dabei handelt es sich um ein spezielles Interface, das auf dem eBook-Reader „Tolino“ läuft und über den Kunden ihre E-Books direkt einkaufen können.

Sie berichten außerdem, mit welchen Technologien Thalia arbeitet, auf welche Weise die einzelnen Teams zusammenarbeiten – und natürlich über den Status Quo der „Monolithensprengung“ – viel Spaß beim Zuhören!

Transkript

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Roman: Hallo. Schön, dass es klappt mit uns heute Nachmittag. Vielleicht stellt ihr euch mal vor, was ihr so tut, wer ihr seid und dann geht es weiter im Podcast.

Markus: Ich fange mal an. Ich bin Markus. Ich bin seit mittlerweile zwei Jahren Entwickler hier bei Thalia und im Team TPE tätig. Das ist das Touchpoint Team für den eReader-Shop hier bei Thalia. Das heißt, auf den Tolino-Geräten haben wir ein eigenes kleines Shop System drauf laufen, damit die Leute auch munter ihr nächstes Buch kaufen können, wenn sie fertig gelesen haben. In den letzten zwei Jahren haben wir unseren monolitischen Riesenshop ein bisschen auseinandergenommen und daraus ein System aus Microservices gebaut, worüber ich ja auch in einem Blog für uns berichtet hatte. #00:01:09#

Fabian: Ich bin Fabian und bin jetzt seit knapp neun Jahren hier bei Thalia. Ich bin hauptsächlich in verschiedenen Teams als IT-Analyst unterwegs gewesen, also im Bereich Requirements Engineering, damals noch technische Projektleitung. Ich bin auch als IT-Analyst maßgeblich im Insourcing des eReader-Shops tätig, der ursprünglich von einem externen Dienstleister entwickelt wurde. Im ersten Jahr habe ich mitgeholfen und mitgearbeitet und bin mittlerweile verantwortlich für das Team als Teamlead und davon berichten wir gleich ein bisschen. #00:01:48#

Roman: Markus, du hast ja schon gesagt Blogpost, genau da haben wir uns auch kennengelernt. Du hast über den eReader-Shop geschrieben. Und da dachte ich mir, da musst du den mal anpingen und mal mit ihm was aufnehmen. Aber bevor wir darauf kommen könnt ihr vielleicht mal kurz erzählen für die, die es nicht kennen, wer Thalia ist und was Thalia so tut und einfach mal so ein paar Rahmendaten nennen. #00:02:12#

Markus: Thalia ist mittlerweile der größte deutsche Buchhändler im stationären als auch im E-Commerce-Bereich. Wir haben in Deutschland, Österreich und der Schweiz ungefähr 300 Filialen und in Deutschland circa 4000 Mitarbeiter. Wir bieten komplette Programme im stationären Buchhandel an. Wir haben einen E-Commerce-Shop, eine App und wir haben jetzt einen E-Reader, den Tolino, der damals auch von der Tolino-Allianz mit gegründet wurde. Das passt, glaube ich, im Großen und Ganzen. #00:02:46#

tolino und die Welt der eBooks

Fabian: Thalia hat sich ja quasi schon seit 2010 mit dem Thema E-Reader beschäftigt. Wir hatten damals auch schon E-Reader und E-Books im Shop. Wir hatten auch damals schon den OYO, das war der erste E-Reader. Ich glaube sogar, dass der in Deutschland noch vor dem Kindle auf dem Markt war. Und 2013 gab es dann die große große Tolino-Allianz. Das heißt, Thalia hat sich da mit anderen großen Buchhändlern wie Weltbild, bücher.de und damals noch Bertelsmann, also dem Club, den es ja nicht mehr gibt, sowie der Telekom zusammengetan als Tolino-Allianz, um gemeinsam ein Konkurrenzprodukt zu dem Amazon Kindle auf den deutschen Markt zu bringen. In den meisten Ländern der Welt hat Kindle einen Marktanteil von über 90 Prozent, glaube ich. In Deutschland ist es nicht so, da sind wir quasi pari. Also das ist auf jeden Fall eine Erfolgsgeschichte, wo wir echt stolz drauf sind und was auch wirklich Spaß gemacht hat. Nach dem OYO haben wir dann quasi 2013 den Tolino Shine als Allianz-Produkt zusammen mit den anderen Buchhändlern auf den Markt gebracht. Die Hardware und die Firmware ist bei allen Buchhändlern die gleiche, das teilen wir uns. Das lassen wir auch alle zusammen in Asien herstellen, damals noch von der Deutschen Telekom.

Mittlerweile haben wir da einen anderen technischen Partner in der Allianz, das ist Kobo, gehört zu Rakuten. Kobo selber sitzt in Toronto und ist unser technischer Partner, mit dem wir sehr zufrieden sind. Mit einem E-Reader kann halt gemütlich im Bett E-Books lesen. Ich habe ein sehr freundliches Display, also kein LC-Display, sondern ein E-Ink-Display, was auch deutlich angenehmer für die Augen ist. Ich habe einen sehr sehr geringen Akkuverbrauch. Der Akku hält meistens Wochen wenn nicht Monate, weil eigentlich nur das Umblättern Strom kostet und nicht die Hintergrundbeleuchtung. Wenn ich die Hintergrundbeleuchtung ausgestellt habe und einfach nur den Text lese, habe ich quasi null Stromverbrauch, deswegen halten die auch so ewig. Möchtest du noch etwas hinzufügen Markus?

Markus: Nein, ich glaube, im Großen und Ganzen war das in Ordnung. Ich kann zum Shop gleich noch ein bisschen was sagen.

Fabian: Genau, das ist ein guter Hinweis. Der Shop, den macht jeder Buchhändler selber. Also das ist dann etwas, wo es einen Unterschied gibt. Da hatten Roman, du und dein Kollege auch letztes Mal drüber geredet, als ihr über unseren Artikel gesprochen hattet. Wir machen nur den E-Reader-Shop für Thalia, Weltbild und Hugendubel machen ihren eigenen. Mittlerweile sind auch noch mehrere Partner dabei, wie Osiander und die Mayersche, die machen alle einen Eigenen. Also der Shop, wo ich wirklich nach E-Books suchen und kaufen kann, das macht jeder Buchhändler für sich selber und die Firmware sowie die Hardware sind identisch. #00:06:47#

Roman: Könnt ihr mal kurz darstellen, wie dieser Prozess funktioniert? Also ein Kunde, der einen dieser Shops durchsucht wie zum Beispiel Thalia, und sich entscheidet ein Buch zu kaufen. Wie sind die Schritte bis er tatsächlich dann dieses E-Book auf seinem Gerät hat?

Fabian: Man kann die Frage quasi auch anders formulieren, was bietet der E-Reader-Shop für Funktionen? Also man kann darin suchen, man kann darin stöbern. Wir haben da Kuratierungen, die von unserem Shopmanagement hergestellt wird. In Kategorien und Kampagnen kann ich erstmal nach E-Books suchen und stöbern. Dann kann ich mir die Detailseite eines Artikels aufrufen, Bewertungen lesen und mir eine Leseprobe herunterladen, die ich dann auf dem E-Reader lesen kann. Ich kann Zahlarten auswählen und Bankeinzug, Kreditkarte sowie PayPal einrichten. Ich kann dort eine Geschenkkarte hinterlegen. Ich kann mich dort als Kunde erstmal auch registrieren und muss das nicht im Webshop machen. Ich kann mich auch als Neukunde unter thalia.de, also auch auf dem E-Reader registrieren und kann dann damit auch kaufen. Das kann ich quasi direkt aus dem Bett heraus machen. Das heißt, ich habe abends im Bett mein Buch zu Ende gelesen und muss nicht aufstehen und mich fragen, was ich als nächstes lese. Ich kann direkt liegen bleiben, habe das Device zum Kaufen direkt in der Hand und kann nach dem nächsten E-Book suchen oder mir empfehlen lassen und kann es dann direkt kaufen und weiterlesen. Ich brauche dafür lediglich eine WLAN-Verbindung. #00:08:16#

Roman: Und das ganze Payment geht dann auch über diesen Shop? Ihr habt die Zahlungsart voreingestellt, dass man nicht noch großartig irgendwelche Formulare ausfüllen muss? #00:28:28#

Fabian: Ja, genau. Wobei man beim Technischen ein wenig differenzieren muss. Das, was wir als Shop ausliefern, kann man im Prinzip auch im Browser aufrufen. Das ist eine reine HTML-Seite, so wie bei jedem bekannten E-Commerce-Shop im Prinzip. Aber wir haben halt die Spezialität, dass wir auf den E-Ink-Displays funktionieren müssen und die sind eben ein bisschen träger als ein Browser. Die haben vielleicht nicht die neuesten Technologien, die Chrome zur Verfügung hat. Im Grunde kann man sich das aber genauso vorstellen. Das heißt, das, was der Kunde auf seinem E-Reader sieht, ist eine HTML-Seite, die von unserem Touchpoint E-Reader-Shop-Team aus quasi unserem Backend-System kommt. Unsere Backends hängen aber auch wiederum an Thalia Backends, die zum Beispiel die Prozesse der Zahlarten, die Aufträge, die Personalisierung und die Suche für uns verwalten.

Wir haben unterschiedlichste Mechanismen mit diesen Backend-Systemen, die bei Thalia von crossfunktionalen Produktteams verwaltet werden. Die einfachste Art und Weise ist die REST-Schnittstelle, JSON wird da ausgetauscht. In ganz alten Fällen auch noch XML, aber eigentlich sind wir da heutzutage eher in Richtung JSON unterwegs. Und es entwickelt sich gerade mehr und mehr zu einer Frontend-Orchestrierung, was zum Beispiel mit Server Site Includes bei uns gemacht wird. Auf der Startseite des E-Reader Shops sind zum Beispiel Kategorie- und Redaktionsvorschläge gar nicht mehr von uns in HTML-Form zur Verfügung gestellt, sondern tatsächlich aus einem ganz anderen Team per SSI über unseren Webserver reingeladen. Das heißt, wir haben da einen neuen Verantwortungsschnitt und auch einen neuen technologischen Schnitt an der Stelle. Das heißt, wenn ich mein Buch im E-Reader-Shop kaufe, dann stellen wir die Formulare für den Kunden dazu zur Verfügung. Wir versuchen das aber so simpel und einfach wie möglich zu halten. Sprich, wenn der Kunde seine Zahlart sowie seine Lieferanschrift, die wir natürlich für E-Books jetzt nicht unbedingt benötigen, aber für seine Kontoinformation bei Thalia, einrichtet, dann liegt das alles im Backend bei uns vor. Und wir versuchen da einfach eine möglichst intuitive und einfache Klickstrecke zur Verfügung zu stellen, die im Hintergrund von unseren Thalia-Backend-Services von den crossfunktionalen Teams dann bearbeitet werden. Letzten Endes wird dann irgendwann aus der Cloud das E-Book auf den E-Reader übertragen, wofür man dann eben die WLAN-Verbindung für diesen Schritt am Ende nochmal braucht. #00:11:11#

Roman: Wenn du sagst Cloud, was habt ihr da im Einsatz? #00:11:14#

Fabian: Das ist die Tolino-Cloud, also die Cloud der Tolino-Allianz. Das habe ich gerade nicht erwähnt. Tolino stellt nicht nur die Hardware und die Firmware für den E-Reader, sondern Tolino stellt in der Tolino-Allianz für alle Buchhändler auch noch eine Lese-App für iOS und Android, also Kobo, zur Verfügung. Und Kobo stellt auch die ganze Cloud, also das Bookshelf quasi, wo jeder Buchhändler sagt, unser Kunde xy hat ein Buch gekauft. Und die Cloud selber liegt bei Kobo, also in der Tolino-Allianz, unser technische Dienstleister der Tolino-Allianz, Kobo. #00:11:54#

Roman: Haben die bei Kobo selber Server oder ist das ein bekannter Public-Cloud-Anbieter? #00:12:02#

Fabian: Ja, genau richtig. Also meines Wissens nach ist es kein AWS, sondern das ist bei Kobo alles gehostet. #00:12:12#

Roman: Das bedeutet aber auch, egal ob ich nun bei Thalia oder bei der Mayerschen etwas kaufe, es gibt immer denselben Login. Das ist so über alle Händler hinweg dieselbe Tolino-Cloud? #00:12:25#

Fabian: Nein, du hast einen eigenen Zugang. Jedes Gerät ist ja quasi auf einen Buchhändler geschaltet, je nachdem wo du ihn kaufst. Aber es gibt die großartige Bibliotheksverknüpfung. Das heißt, wenn du nun ein Thalia-Gerät hast und bei der Mayerschen oder beim Hugendubel ein E-Book gekauft hast, dann kannst du eine sogenannte Bibliotheksverknüpfung im E-Reader erstellen. Dann kannst du sagen, ich habe jetzt ein Mayersche-Konto. Dann kommt die Login-Maske von der Mayerschen, dann kannst du dich anmelden und siehst in deinem Bookshelf alle Bücher zusammen. Also das ist sehr komfortabel. Das heißt, du hast quasi ein großes Bücherregal wie zu Hause und es ist egal, wo du es gekauft hast. #00:13:07#

Roman: Das ist wahrscheinlich so das Argument gegen den Kindle. Wenn sich jemand entscheidet und will in diese Welt der elektronischen Bücher einsteigen und dann sagt, okay, was habe ich für Möglichkeiten, dann wäre das wahrscheinlich ein Argument zu sagen, das ist alles eben nicht Amazon, sondern ein Gegenangebot das gefördert wird von unter anderem deutschen Unternehmen. #00:13:32#

Fabian: Natürlich habe ich da meine Thalia-Brille jetzt auf und natürlich gibt es da emotionale und pragmatische Gründe. Natürlich fördere ich einmal den deutschen Buchhandel und nicht irgendwie ein amerikanisches Riesenunternehmen. Ich glaube, was aber auch nochmal ein guter Grund ist, ist dass wir ein offenes System sind. Wir haben kein poprietäres Format wie Amazon, sondern wir haben EPUBs und PDF, was ich auch mit allen anderen E-Readern lesen kann. Das ist ein Standard, ein offenes Format. Das ist nochmal ein Argument für uns, glaube ich. #00:14:07#

Roman: Die EPUBs sind doch auch mittlerweile nicht mehr DRM-geschützt oder? #00:14:11#

Fabian: Das kommt auf die Verlage an. Es gibt immer noch E-Books, die DRM geschützt sind, sprich da bekomme ich ACSM-Dateien. Aber das wird in der ganzen Tolino-Cloud relativ transparent gemacht für den Kunden. Der hat da nichts mehr mit zu tun. Wenn ich da innerhalb der Tolino-Allianz, der Cloud bleibe. Ich kann auch ein E-Book im Browser lesen. Es gibt schon lange einen sogenannten Webreader bei allen Buchhändlern, der kommt auch von Kobo. Das heißt, wenn ich bei Thalia im Webshop bin, kann ich auch direkt aus meinem Konto heraus das E-Book in einem sogenannten Webreader oder halt in der App, die ich vorhin angesprochen habe, öffnen. Und egal, ob es nun verschlüsselt ist oder nicht, das merkt der Kunde nicht, weil es direkt in der Cloud entschlüsselt wird. Ich bleibe ja innerhalb der Tolino-Allianz, den Ökosystemen, und da brauche ich mich um Verschlüsselung nicht zu kümmern, nur wenn ich es aus der Cloud rausziehen möchte. Was geht ist, ich kann auch ein E-Book quasi rausziehen. Dann ist es, je nachdem ob es DRM geschützt ist oder nicht, direkt ein EPUB oder PDF oder halt auch in dieser klassischen ACSM-Datei, die ich dann wieder mit Adobe Digital Editions oder mit Adobe DRM entschlüsseln muss. Aber die Verlage gehen immer mehr und mehr dahin, einfach darauf zu verzichten. Und die meisten E-Books sind mittlerweile nicht mehr DRM geschützt, was uns sehr sehr freut. Weil das Thema früher schon sehr sehr komplex war. ACSM ist auch nicht einfach. Wir hatten auch immer sehr sehr viele Kundenanrufe zum Thema Adobe, weil es kompliziert und nicht einfach ist. #00:15:45#

Roman: Was ja eine Herausforderung für den Kundenservice ist. #00:15:46#

B2: Ja, wir versuchen regelmäßig einmal im Jahr einen Tag drüben in der Hotline zu sitzen. Der Kundenservice sitzt ja auch in Münster. Wir, E-Commerce Thalia, sitzt in Münster hier und es ist besser geworden. Ich weiß noch, die ersten Jahre, da war ungefähr jeder zweite Anruf bezüglich Adobe, wie kann ich es auspacken, was ist meine Adobe ID und welches Passwort und so weiter. Und das kann man ja auch nur begrenzt machen. Dann gab es auch noch Download-Links, die damals nur begrenzt gültig waren. Das war furchtbar. Also das ist mit der Tolino-Allianz deutlich einfacher geworden. Aber diese ganze Komplexität ist quasi in das Ökosystem gepackt und da werden die nochmal mit einem eigenen Verschlüsselungsmechanismus verschlüsselt. Der Kunde merkt halt davon nichts, weil es in die ganze Clive mit eingebaut ist. #00:16:37#

Crossfunktionale Teams

Roman: Dann lasst uns doch einfach mal einsteigen in die Themen …#00:16:41#. Du hattest eben mehrmals von crossfunktionalen Teams gesprochen. Erzähl doch mal, was du damit meinst und wie das bei euch aufgebaut ist. #00:16:49#

Markus: Es ist bei uns halt so, dass wir nicht mehr klassisch ein großes Entwicklungsteam haben oder mehrere Back-End- oder Front-End-Teams, die irgendwie Projekte abarbeiten. Sondern Thalia hat vor drei Jahren die Entscheidung getroffen, nach Scrum zu arbeiten und die agilen Methodiken anzuführen. Im Rahmen dieser Entscheidungen ist natürlich auch die Entscheidung getroffen worden, wie wir unsere Plattform weiterentwickeln wollen und wie wir in Zukunft noch ordentlich funktionieren wollen, wenn Veränderungen stattfinden. Und darauf basierend haben wir die Entscheidung getroffen, dass wir so eine Art Vertikalisierung machen. Also Produktteams bauen, die für ihre Produkte zuständig sind. Wir haben da ganz klassisch ein Team, was sich um Artikel kümmert. Wir haben ganz klassisch ein Team, was sich um Aufträge kümmert. Ein ganz klassisches Team, was sich um Bezahlmethoden, Scoring und sowas kümmert. Das sind halt kleine Produktteams, die den Zusatz oben mit drauf haben, dass sie crossfunktional sind. Das sind im Prinzip nicht nur Entwicklungsteams, sondern in jedem Team sitzt noch ein Product Owner. Es sitzen technische und fachliche Analysten mit in den Teams, die versuchen die Entwicklung aber auch die Messbarkeit vor Kunden zu unterstützen und zu schauen, ob alles okay aussieht und wo man irgendwie in Zukunft analytisch unterstützen kann, wenn Bugs auftauchen.

Wir haben QRs in den Teams, die bei der Continuous Delivery unterstützen. Das sind so typische crossfunktionale Teams, die letzten Endes ihr Produkt im Fokus haben, was bei uns im Team ein bisschen anders ist. Wir sind auch ein crossfunktionales Team. Aber beim Touchpoint E-Reader kann man nicht so ganz genau sagen, dass wir ein reines Produktteam sind, glaube ich. Wir haben natürlich das Produkt E-Reader Shop, aber wir haben ganz viele Verbindungen zu diesen crossfunktionalen anderen Teams, die ich gerade aufgezählt habe. Von denen wir natürlich Daten sammeln, beziehungsweise Daten verarbeiten lassen und das Ganze zu einem für den Kunden bestmöglichen Produkt zusammenschnüren, was wir später dann im E-Reader Shop auf dem E-Reader anzeigen. Darüber hinaus gibt es in den Teams natürlich auch noch DevOps. Also wir haben keine klassische Admin- oder Opsabteilung hier, die komplett zentral arbeitet, sondern wir haben ein Hybrid. Unsere Opsler arbeiten sowohl zentral als auch dezentral in den Teams und unterstützen den crossfunktionalen Ansatz so, dass wir eigentlich die Autonomie eines Teams so hochtreiben wollen wie möglich. Wir versuchen die Abhängigkeiten zwischen den Teams technisch, fachlich als auch organisatorisch so klein zu halten wie es nur geht. Und deswegen gibt es diese Rollenbeschreibungen, die ich gerade aufgeführt habe, die im Konsens dazu führen, dass das Team halt eben alles machen kann, was es benötigt, um das Produkt sowohl voranzutreiben als auch vor Kunde zu betreiben. #00:20:31#

Fabian: Genau, wir haben uns quasi 2016 entschieden, wir wollen schnell und flexibel sein und auf dem Markt schnell und flexibel reagieren können. Gerade im E-Commerce ist es ein wichtiges Thema immer schnell zu sein. Man kennt es ja aus der Historie Nokia und andere Beispiele, die nicht so schnell waren, nicht reagieren konnten und die jetzt weg sind. Ihr kennt die Beispiele alle. Und was wollten wir? Wir wollten eine Produktorga machen. Projekte hatten wir mal gemacht. Dann sind die Projekte fertig und wenn sie fertig sind, fängt die eigentliche Arbeit ja erst an, zu messen ob das, was wir entwickelt haben, auch das ist, was der Kunde braucht. Wir wollen hier eben eine kontinuierliche Produktentwicklung, wo ein Team selbst organisiert. Das heißt, die Innovationskraft und die Effizienz ist höher und so weiter. Dass die sich permanent fragen, ob sie gerade das Richtige tun. Das heißt, wir wollen auch, dass die Teams permanent messen, ob ihre Software so funktioniert, wie wir es gedacht haben. Nutzt der Kunde das wirklich, wie wir es gedacht haben? Holen wir das Beste für den Kunden raus? Und das kann man unserer Ansicht nach hauptsächlich tun indem man wirklich ganz exzessiv durch Tracking und verschiedene andere Mechanismen misst, ob der Kunde genau das Richtige macht. In dem Kontext haben wir 2016 hier bei Thalia in Münster eine E-Commerce-IT, die sogenannte Produktorga. ins Leben gerufen, eine organisatorische Änderung, wo die Teams eben selbstorganisiert arbeiten. #00:22:06#

Roman: Wie groß ist denn so ein Team im Schnitt? #00:22:09#

Fabian: So ganz grob zwischen fünf und zehn Leuten. #00:22:14#

Roman: Und wie viele Teams arbeiten so über den Daumen parallel an den einzelnen Produkten? #00:22:19#

Fabian: Wir haben hier sieben Teams in der Produktorga. #00:22:23#

Roman: Sitzen die dann in Münster? #00:22:26#

Fabian: Genau und eine sitzt noch in Berlin. Wir hatten damals festgestellt, dass der E-Reader Shop ursprünglich quasi extern entwickelt wurde und ein Dienstleister für den OYO schon seit 2010 entwickelt hatte. 2013 wurde dann wieder etwas für den Tolino angeflanscht und jeder Dienstleister wurde rein von der Fachabteilung gesteuert. Das heißt, da wurden gewisse technische Schulden aufgebaut. Damals habe ich dann zufällig im Büro gesessen, wo die Kollegin aus der Fachabteilung den Dienstleister gesteuert hat. Und sie sagt dann, guck mal, der sagt immer, der kann das ganz schlecht umsetzen, das dauert so lange oder er kennt den Code nicht, der ist so lang, der ist nicht wartbar und das ist so monolithisch. Dann habe ich mir das ein bisschen angeguckt, mal ein bisschen mit dem gesprochen und dann haben wir gemerkt, der E-Reader-Shop ist zum einen kein Nischenprodukt mehr. Die E-Book-Umsätze sind wirklich drastisch gestiegen. Und zum anderen hatten wir da kaum noch Knowhow. Beim Dienstleister waren auch schon wieder Leute gegangen. Da war nur noch einer, der den Shop so ein bisschen kannte. Das heißt, wir hatten da auch ein Risiko. Dann haben wir entschieden, nein, das ist zu wichtig als Thema, wir ziehen das rein. Dann haben damals Nico und ich, ein Kollege, ein Produkt Owner, gesagt nein, wir machen einen Projektantrag und wollen das Thema hier reinziehen. Und dann haben wir angefangen und ein Team hier aufgebaut.

Wir haben hier zwei Entwickler. Der Markus hat dann im Mai 2016 angefangen und der Christian, ein externer Dienstleister, ein externer Entwickler erstmal. Weil wir gucken wollten, wie viele wir eigentlich langfristig brauchen, haben wir erstmal einen Internen und einen Externen eingestellt. Wir haben uns dann ein halbes Jahr mit dem Dienstleister zusammengesetzt, haben einen Knowhow-Transfer gemacht, haben uns das nochmal alles angeguckt und haben das erstmal auf einen aktuellen Technologie-Stack gebracht und haben das ingesourced hier in unser Rechenzentrum. Dann haben wir aber relativ schnell die Entscheidung getroffen, jetzt kommt der Schluß nochmal zur Produktorga, wir wollten schnell und flexibel hoch messbar arbeiten. Das war mit der Software, die wir mal übernommen hatten, einfach nicht möglich. Da war die technische Schuld und die verwachsene Komplexität einfach zu groß. Und da haben wir uns entschieden zu sagen nein, wir reißen diesen Monolithen ab und bauen den komplett neu oder ganz stark um, was Markus ja alles in seinem Blogartikel genau beschreibt. Im Kontext also selbstorganisiert, agil, Continuous Delivery, hoch messbar, automatisiert getextet und leichtgewichtig. #00:25:34#

Monolith vs. Micoservices + agilem Ansatz

Roman: Nun mal noch eine allgemeinere Frage an der Stelle, weil ich das ganz bemerkenswert finde, was du gerade alles aufzählst. Denn, um das mal einigermaßen charmant zu formulieren, die gesamte Buchhandelsbranche so wie ich sie kennengelernt habe, ist ja nun nicht bekannt dafür, eine so extreme Innovationsrakete zu sein. Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung. Wie habt ihr es denn geschafft, dass ihr bei dieser Diskussion tatsächlich gesagt habt, wir machen nicht nur Standardsoftware, sondern die Software, die wir haben, die entwickeln wir auch auf diese Art und Weise weiter mit einem agilen Ansatz und diesen Teams? Da muss ja irgendwie auch mal Nichttechnikern in der Branche erklärt worden sein, was die Vorteile sind und das auch durchbekommen haben. Also ich sehe und nehme wahr, jetzt nicht nur in der Buchbranche sondern generell, dass diese Transparenz und dieser Wissenstransfer so in vielen Unternehmen noch ein akutes Thema ist. #00:26:48#

Markus: Ich würde da ganz gerne mal meine Sichtweise vorab schildern, weil die aus Entwicklersicht ganz interessant ist. Und Fabian wird dir garantiert das Warum beantworten. Aus meiner Sicht war da schon alles gegeben als ich in das Projekt gekommen bin. Also ich bin als Entwickler in eine Projekt gekommen, wo ich zusammen mit einer Kollegin den Auftrag hatte zu schauen, dass wir diesen E-Reader Shop weiterentwickeln. Fabian hat vorhin gesagt, wir haben die Entscheidung relativ schnell getroffen, dass wir das auf einer anderen Basis machen wollen. Sprich, keine Monolithen weiterentwickeln, sondern in Microservices denken. Und damit endet das ja nicht irgendwie. Man sagt ja vielleicht, ich baue jetzt Microservices und dafür gibt es Standardsoftware, die ich sofort benutzen will. Das heißt, worauf ich hinaus will, wir hatten im Prinzip keine Limitierung. Also meine Kollegin und ich konnten uns da austoben, konnten unsere Erfahrung mit einbringen, konnten in alle Richtungen schauen, was ist sinnvoll, was ist nicht sinnvoll? Welche Technologien können wir benutzen? Wir waren da ungebunden. Was super wichtig ist, glaube ich, dass wenn man so eine Entscheidung trifft, dass man hier nun irgendetwas auf die Beine stellen möchte, was zukunftssicher ist, dass man da nicht von vornherein eine Limitierung reingesetzt bekommt, die einem diese Entscheidungen schwer macht. Und das ist tatsächlich nicht passiert als wir angefangen haben. Uns wurden nicht die Hände gebunden. Wir hatten alle Freiheiten, die wir haben konnten, um uns als Entwickler auszutoben an diesem Produkt. Und das hat letzten Endes dazu geführt, dass wir modern bleiben konnten, beziehungsweise noch moderner werden konnten. Und dieses Bild vom eingestaubten oder angestaubtem Buchhandel haben wir tatsächlich gar nicht gemerkt. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die wir da gemacht haben. #00:28:39#

Fabian: Also ich glaube einfach, dass hier einfach die richtigen Leute entscheidend sind bei Thalia. Wir hatten ja immer die Freiheit. Wir hatten natürlich wahrscheinlich auch zum richtigen Zeitpunkt einen richtigen Geschäftsführer, der mitgegangen ist. Der gesagt hat, nein, es ist wichtig, wir wollen ja flexibel sein, wir wollen agil arbeiten, wir wollen Verantwortung auf die Teams runterbrechen. Und das ist nicht einfach. So eine kulturelle Änderung ist echt hart, weil wirklich nichts gewährt ist. Ich glaube, wir haben einfach die richtigen Leute und Mut gehabt und auch die richtigen Argumente sowohl hier als auch in Hagen. In Hagen ist klar, das SAP-System und die arbeiten ein bisschen anders. Der Herr Busch, unser CEO, ist das auch mitgegangen. Der sagt auch immer, dass wir da modern bleiben müssen. Dass wir moderne Strukturen haben müssen und zufriedene Mitarbeiter. Und der hat das auch immer mitgetragen. Und diese Produktorga hier in Münster war ein voller Erfolg. Gerade hier unser E-Reader-Shop war die richtige Entscheidung, muss man sagen. Und was wir da jetzt in den letzten eineinhalb Jahren geschaffen haben, in eineinhalb Jahren ein monolithisches System abzubauen, abzureißen und wir sind wirklich kurz davor. Wir haben über Ostern angepeilt, mal gucken, ob wir das schaffen. Aber wir werden in den nächsten ein, zwei Monaten die alte Software komplett los sein. Und ich glaube, das war auch ein Stück weit, weil wir auf uns gehört haben, uns treu waren und auch immer im Fokus gehabt haben, was das Ziel ist.

Das Ziel war immer erstmal den Monolithen abzureißen. Wir wollten diese Software loswerden, weil die ein Klotz am Bein war, weil wir damit nicht schnell entwickeln, schnell und flexibel, nicht messbar waren. Wir haben oft in Refinements da gesessen, wir haben mit Scrum gearbeitet oder arbeiten immer noch mit Scrum, und haben über Use-Cases nachgedacht und gesagt: „Ach guck mal, hier haben wir noch die IBAN. Da könnten wir noch das und die Stellen trennen und alles noch schick machen, um bessere Feedbacks bei den Kunden zu bekommen.“. Wir haben uns oft ertappt und gesagt: „Moment Leute, wir machen hier schon wieder 150 Prozent. Wir wollen den Monolithen abreißen und nicht geil machen. Das können wir danach immer noch und viel schneller, weil wir diesen Klotz los sind.“. Das ist auch ganz viel Disziplin, glaube ich. Agilität hört sich immer so toll an und alles ist schön. Das ist harte Arbeit und harte Disziplin von jedem. Da kann sich keiner zurücklehnen und sagen, ich kriege schon gesagt, was ich machen muss. Nein, das ist dann auch weg. Das ist auch die andere Seite. Die Jungs sind verantwortlich und die müssen sich messen lassen. Vertrauen und Verantwortung. Und die kriegen auch auf den Deckel, wenn sie Mist gebaut haben. #00:31:40#

Roman: Sag mal, dieser ominöse Monolith von dem ihr sprecht, ist das auch etwas, was ihr in der Vergangenheit gebaut habt oder habt ihr das als Software eingekauft? #00:31:47#

Fabian: Also eigentlich haben wir zwei Monolithen. Einmal den ganz großen, den Webshop-Monolithen, den wir auch gerade abbauen, wo wir gerade mittendrin sind, und wir haben den E-Reader-Shop. Und der E-Reader Shop-Monolith, das ist quasi der, den wir von einem externen Dienstleister haben bauen lassen. Das ist das, was ich vorhin erzählt habe, mit OYO angefangen und Tolino. #00:32:07#

Make or buy?

Roman: Wie entscheidet ihr, wo ihr Dinge selber baut oder wo ihr doch lieber auf Standards zurückgreift? Oder habt ihr überhaupt noch Standardlösungen? Gibt es grundsätzlich Bereiche wo ihr sagt, da wollen wir lieber nicht selber entwickeln, sondern da nehmen wir etwas, was der Markt so hergibt? #00:32:34#   

Fabian: Das kommt darauf an, was du mit Standardlösung meinst. Wir setzen schon auf OpenSource. Wie gesagt, wir haben eine Applikation, die auf Spring-Boot basiert. Wir lassen unser Front-End zusammenbauen durch Bootstrap, da erfinden wir das Rad natürlich nicht neu, sondern setzen auf Standard OpenSource-Software und Frameworks.

Markus: Korrigiere mich, du meinst wahrscheinlich größere Standardlösungen wie ein Hybris oder Shopsysteme oder?

Roman: Gerne quer durch die Bank. Natürlich wird sich niemand sein eigenes CSS-Framework zusammenstöpseln und sein eigenes JavaScript-Framework zusammenbauen. Aber auch gut, dass ihr das mal erwähnt, das ist auf jeden Fall wichtig. Aber genau wie ihr sagt, dass es auch größere Systeme gibt zum Beispiel für eine externe Suche und eine externe Reco. Für die Dinge, die man nicht selber bauen will. #00:33:33#

Markus: Das gibt es natürlich auch, aber das ist jetzt nicht Bestandteil unseres Teams. Das hatte ich vorhin zum Beispiel gar nicht mit angesprochen, wir haben auch ein crossfunktionales Team, was die Suche und die Navigation betreut, suchen und beraten ist das quasi. Und die setzt natürlich auf Standardsoftware, die über KI-Mechanismen Personalisierung für Empfehlungen zustande bringt. Die Suche basiert auf Solr, glaube ich. Also da wird das Rad auch nicht neu erfunden.

Fabian: Das ist ja auch immer die Gretchenfrage, was ist jetzt Standardsoftware oder nicht Standardsoftware. Das ist natürlich auch nicht so einfach zu beantworten, glaube ich. Das ist immer ein sehr komplexes Thema und muss von jedem Unternehmen für sich persönlich untersucht werden. Bei dem einen passt das, weil er da irgendwie keine super abweichenden Prozesse hat. Bei anderen passt das nicht, weil dann immer kommt: Standardsoftware, die muss ich aufbauen und dann habe ich wieder eine Update-Problematik, weil ich schon wieder zu viel angebaut habe. Dann funktioniert das nicht so richtig gut. Aber es mag auch bestimmt Beispiele geben, wo es gut funktioniert. #00:35:08#

Roman: Ich glaube ich muss mein Bild vom Buchhandel ein bisschen revidieren. Gerade habe ich die Case Study von C.H. Beck auf dem Tisch. Das ist ein Kunde von commercetools, wo ich arbeite. Und ein ähnlicher Fall, das ist ein Verlag, der einen Shop baut, der über zehn Millionen Produkte hat. Und sie nutzen in der Tat commercetools als Plattform, für den Check-out oder für die Produkte und bauen sich selber Microservices drumrum und obendrauf, um eben individuell ihre Front-Ends zu bauen. Und das hätte man auch nicht erwartet. Ich meine, das ist ein Geschäftsführer, er ist über 80 Jahre alt, der sozusagen das Ganze Thema durchgewunken hat und das jetzt so läuft tatsächlich. Das ist bei Weitem keine monolithische Software mehr, sondern tatsächlich ein Mix aus ein paar cleveren APIs und einer Eigenentwicklung. Da muss ich vielleicht mal ein bisschen Abbitte leisten beim Buchhandel. Aber wo wir gerade dabei sind, Stichwort technische Herausforderung, was sind denn so die Dinge, wo ihr besonders drauf achten müsst, was vielleicht in anderen Branchen anders ist? #00:36:24#

Fabian: Du meinst jetzt bezogen auf den E-Reader-Shop? #00:36:28#

Roman: Richtig. Ich weiß nicht, wie viele E-Books man jetzt aktuell kaufen kann hierzulande. #00:36:37#

Fabian: Millionen. Ich glaube, insgesamt haben wir wirklich um die zehn Millionen Artikel, jetzt nicht im E-Reader Shop, sondern bei Thalia, Bücher, englischsprachig, deutschsprachig, Spielwaren. Dann haben wir aber jetzt auch noch ein paar andere Kategorien, wie zum Beispiel Möbel und so weiter. Das sind schon ganz viele Artikel. Ich weiß gar nicht, ob da eine technische Herausforderung so von anderen Branchen abweicht. Wir haben bei uns immer auch noch die Herausforderung, dass unsere Kunden auch vielleicht ein bisschen älter sind, gerade mit so einem Tolino. Da haben wir aber wiederum auch den Vorteil gegenüber Amazon, dass wir zumindest aktuell noch Filialen haben. Das heißt, wir haben da super Leute vor Ort für die Kunden, die in die Filialen gehen, die da echt super beraten können. #00:37:37#

Device-spezifisch entwickeln

Markus: Technisch gesehen haben wir ja ansonsten auch noch das Gerät selber. Das bietet entwicklungstechnisch eine Limitierung, die ist für mich auch komplett neu gewesen. Ich habe vorher bereits in einem E-Commerce-Unternehmen gearbeitet, wo für uns auch das Thema Responsive Design akut gewesen ist. Im Prinzip haben wir im E-Reader-Shop exakt dasselbe. Wir müssen uns sehr über Responsive Webdesign Gedanken machen. Wir haben mittlerweile neun Reader-Typen auf dem Markt, glaube ich, wobei manche schon wieder rauslaufen, was genau das Problem ist, also veraltete Geräte. Der letzte E-Reader, den wir auf den Markt gebracht haben, ist jetzt zum Beispiel tolino Shine 3. Wenn man sich die mal genauer anguckt, haben die unterschiedlichste Display-Abmessungen. Jetzt haben wir das Problem, dass es im Gegensatz zu einem Smartphone auf dem E-Reader nicht so gut geht, sage ich mal, wo man scrollen kann, sowas wie Infinity Scrolling hat und eine Liste von Produkten bei der man zigfach nach unten scrollen kann, also sich 60, 70, 80 Produkte anzeigen lassen kann. Natürlich kann man scrollen, aber die E-Ink-Technologie bietet dann sehr komische Effekte auf dem Display, die das einfach nicht schön machen. Also man sollte auf diesen Geräten nicht scrollen. Wenn man sich das zu Hause mal angucken möchte, kann man gerne mal auf älteren Geräten in den AGBs scrollen. Da sieht man, welchen Effekt das hat. Das heißt, wir mussten uns Gedanken dadrüber machen, wo platzieren wir Elemente so, dass wir nicht für jedes Gerät eine eigene CSS-File anlegen müssen. #00:39:35#

Fabian: So war es nämlich ursprünglich. Da musste man eigentlich für jedes neue Gerät wieder rein und alles anpassen. Das war einfach wichtig.

Markus: Man muss halt bei den Geräten leider mitbeachten, dass es keinen unteren offenen Bereich gibt. Das heißt, der untere Rand ist festgelegt und wir haben immer nur einen bestimmten Platz in der Höhe, den wir beachten müssen. Was in der Entwicklung in den meisten Fällen, wenn man browserbasierte Applikationen schreibt, erstmal was Neues ist, dass man nicht mehr scrollen kann. Ansonsten müssen wir eben technisch mit allem aufpassen, was animiert ist, also Slideshow-Teaser, Ladebalken, alles, was man sich so vorstellen kann. Videos sind jetzt vielleicht bei E-Books nicht so das große Ding, aber das geht auch nicht so gut auf den E-Readern. Und wenn man sich mal überlegt, dass es die Batterie auch letzten Endes nicht so toll schont, die ganze Zeit Animated Gifs anzuzeigen, dann ist das auch keine gute Idee. Das heißt, das fließt alles mit ein. Man muss nochmal sagen, dass die Kernfunktionalität von den Tolinos ist zu lesen, dafür sind sie gebaut. Dass wir darüber noch E-Books kaufen können ist natürlich auch gewollt, aber ist eher nice to have. Das ist jetzt nicht das Hauptfeature. Das Hauptfeature von solchen Dingern ist, dass ich entspannt überall lesen kann und eine lange Akkulaufzeit habe. Da müssen wir immer den schmalen Grad gehen mit den technischen Limitierungen oder dass es genau dafür gebaut ist und mit einem modernen E-Commerce-Shop, der ganz toll ist, da haben wir eben unsere Grenzen. Genau das ist die Herausforderung, dass wir da trotzdem für den Kunden das Beste rausholen, was trotzdem noch Spaß macht zu kaufen auf diesem limitierten Device. Das ist genau die Herausforderung. #00:41:38#

Roman: Das bedeutet, dass ihr euch in eurem Team primär mit der Frage beschäftigt, wie die ganzen Informationen gerendert werden für den Kunden. Für die Infos selbst, gibt es da so ein zentrales PIM, wo dann ihr und die anderen Teams für den Webshop die gleichen Informationen herbekommt? #00:41:57#

Fabian: Die kommen alle von diesen ganzen Omnichannel-Service-Teams, diesen Back-End-Teams, die Markus vorhin aufgezählt hat. Da hängt sowohl der Webshop als auch die App dran. Das ist ein Mutterschiff, ein Back-End, da, wo die ganzen Services liegen und die ganzen Touchpoints, so heißen sie bei uns, Webshop, E-Reader oder App. Die greifen da zentral drauf zu und holen einfach nur für ihre Clients, für ihren Touchpoint das Optimum raus quasi. Wenn ich quasi im Webshop meine Zahlart auf Kreditkarte einstelle, die Kreditkartennummer da eingebe und dann nachher auf den E-Reader gehe und da alles kaufe, ist die Kreditkarte da schon hinterlegt. Das ist mehr oder weniger synchronisiert in Anführungszeichen, das ist quasi das gleiche Back-End, die gleichen Informationen. #00:42:46#

Roman: Neun verschiedene E-Reader-Geräte oder -Typen. Wenn man die jetzt über einen Kamm scheren würde mit allen möglichen Formaten von Smartphones und Tablets, horizontal und vertikal, dann wird man ja wahnsinnig. Ich glaube, dann macht es schon sehr viel Sinn, das aufzusplitten. #00:43:08#

Fabian: Ja, das ist tatsächlich eine Fragestellung, die wir uns auch seit einiger Zeit bei Thalia selber beantworten müssen, ob die Produktteams zum Beispiel auch das Front-End für den E-Reader-Shop selber ausliefern könnten. Es sind aber tatsächlich diese kleinen speziellen Dinge, nicht nur technologisch. Ich komme gleich nochmal auf einen anderen Punkt, der bei uns sehr wichtig ist. Die Technologie, das ist eine Sache, also das auch noch alleine in der QR zu beachten, dass man da jetzt die Fragmentierung noch mehr erhöht als wir das auf Android und iOS Smartphones schon haben. Auf der anderen Seite sind wir natürlich ein Team, was den Kunden mit einer sehr speziellen Ansprache auf diesen Geräten anspricht. Ich weiß nicht, ob du schon mal so ein Gerät in der Hand hattest. Wir sind zwar noch nicht per du mit dem Kunden, wir versuchen aber schon so eine eigene kleine Tolino-Welt aufzubauen. Was damit anfängt, dass wenn irgendwo ein Fehler kommt, dass wir von einem Back-End System, sagen wir mal, eine 500er kriegen oder so, dann kriegen wir nicht so einen Standardsatz, es ist ein technischer Fehler aufgetreten. Sondern wir haben damals dafür gesorgt, sowas auszuspielen, wie: Tolino hat sich den Kopf gestossen. Damit fängt das an. Das hört sich jetzt trivial an. Das geht aber irgendwie damit einher, dass wir uns eine Produktvision erarbeitet haben. Und ein Bestandteil dieser Produktvision für den E-Reader Shop ist unendlich einfach und eben eine persönliche Ansprache des Kunden. #00:44:46#

Markus: Genau, den Tolino hat man immer mit. Die Meisten nehmen ihn sogar ab und zu ganz gerne mit ins Bett. Und da war uns eben als Team wichtig, die Selbstorganisation, Verantwortung und dass wir da ein bisschen humorvoller und ein bisschen lockerer rüberkommen. Wir wollen den Kunden natürlich jetzt nicht vorführen oder veräppeln, überhaupt nicht, aber eben ein bisschen moderner und ein bisschen freundlicher rüberkommen. Das war uns eben wichtig. Und da kommen auch die Grenzen, wenn andere Teams da andere Visionen haben, dann ist es ganz schwierig. Und deswegen ist der Weg, den wir gegangen sind, der richtige, glaube ich. Die Option, die hatten wir am Anfang auch, deswegen haben wir auch nicht direkt zwei oder drei Interne eingestellt, weil wir erstmal gucken wollten, ob es langfristig Sinn macht. Auch da in der Organisation spielt ja auch Agilität eine Rolle. Macht es langfristig Sinn, ein eigenes Team für zu machen? Oder macht es Sinn, dass die Teams, die quasi den Webshop ausliefern, also die Omni Channel Service Teams, die Back-End Teams, wie sie bei uns heißen, nicht auch einfach das HTML für die E-Reader ausliefern? Und da haben wir mittlerweile eine ganz klare Meinung: In Maßen ja, aber so für einzelne Teile. Das Organisatorische, die Vision, die Verantwortung, das ist viel zu schwierig. Dieses ganze Spezialwissen für diese Tolinos, das liegt im Team bei vier Leuten. Und wir müssen das in 60 Köpfe packen, auch noch in die ganzen Produktteams. Und das macht einfach keinen Sinn, glaube ich. #00:46:41#

Fabian: Vielleicht wäre es sogar irgendwie möglich, aber wahrscheinlich nicht in der Qualität, Geschwindigkeit und dem Anspruch, den wir mittlerweile entwickelt haben. Wir haben ja vorhin ganz kurz darüber gesprochen, man darf, glaube ich, beim E-Reader Shop und bei dem Team dahinter nicht pauschalisieren, dass es so ein reiner Durchlauferhitzer von Informationsdaten ist. Bisher haben wir eine reine Migration des alten monolithischen Systems gemacht. Das heißt, wir haben den Ist-Stand genommen, modernisiert und in einen neuen Soll-Zustand überführt, der auf Micro-Frontend-Basis entwickelt worden ist. Was wir dabei aber auch schon ein bisschen gemacht haben ist, über den Tellerrand hinauszuschauen und viel Convenience- und Luxusmethoden für den Kunden einzubauen. Fabian hat das vorhin mal kurz am Beispiel der Kreditkarte angesprochen.

Der E-Reader-Shop hat ein paar kleine Bereiche, das sind momentan noch wenige, die speziell nur in einem E-Reader Shop Universum existieren. Zum Beispiel kann man bei Thalia Geschenkkartenkaufprozess eingeben. Die Geschenkkarten haben nämlich 13 Stellen mit einem Pin dahinter, glaube ich. Wenn man sich die Tastatur von den E-Readern auf dem E-Ink mal angeschaut hat, beziehungsweise ihn mal bedient hat, und man müsste jetzt bei jeder Geschenkkarte den 13-stelligen Pin eingeben, das ist eine Qual. Das ist jetzt nur ein kleines Beispiel. Wir haben eben dafür gesorgt, dass die Geschenkkarten des Kunden quasi vorgehalten werden für den nächsten Kauf, natürlich nach modernen Sicherheitsrichtlinien und so, dass wir hier nicht über die Leitung schicken, was da drinsteht. Aber die Kunden können bei uns tatsächlich, wenn sie einmal eine Geschenkkarte eingepflegt haben, beim nächsten Mal auf diese Geschenkkarte zurückgreifen. Und wenn man das in so einer stateless-Welt heutzutage versucht reinzupacken und nicht in ein Session-Objekt, hat das zum Beispiel auch so eine technische Abhängigkeit.

Ich würde mal behaupten, dass wir nach der Migrationsphase, wie Fabian vorhin sagte, die so nach Ostern beendet sein wird, noch viel mehr in diesen Bereichen machen werden. Also es wird da viel mehr um Weiterentwicklung gehen. Wir haben gerade unseren nächsten Visionsworkshop hinter uns. Wir versuchen noch mehr in Richtung Personalisierung und Kundenansprache zu gehen. Wir gucken, wie wir unseren Kunden noch bessere Empfehlungen machen können. Und da kommen wir langsam in Bereiche, die schon sehr E-Reader-spezifisch werden. Da werden wir eventuell auch mit den crossfunktionalen Produktteams irgendwie mal zukünftig anfangen zu schauen, wie wir diese beiden Welten verbunden kriegen. Sprich, wenn ein Kunde den aktuellsten Harry Potter und auch die anderen Romane total gut fand, wie können wir mit diesen Informationen noch bessere Empfehlungen schaffen? Das ist eben im Webshop noch ein bisschen anders, weil ich da nicht so genau sehe und fühle, sage ich mal, was die Kunden gerne lesen und wie lange sie zum Beispiel etwas lesen und ob sie Bücher sehr schnell abbrechen. Da haben wir ganz viele Chancen, die Features auch nochmal ein bisschen E-Reader Shop spezifisch in nächster Zeit nach vorne zu treiben. #00:50:22#

I: Vielen Dank dafür. Nun sind wir auch schon am Ende der Zeit. Was ich ganz interessant finde an dem, wie ihr die Sache angeht ist, wir alle reden ja immer so von dem Thema Kundenzentriertheit und vom Kunden aus denken. Das ist ja für viele einfach nur ein Spruch. Und in Wirklichkeit werden dann doch wieder hintenrum Prozesse optimiert, weil man irgendwie bei der Datenbank Geld sparen will. Und zu sagen, wir haben tatsächlich den Wunsch, diese Erfahrung auf dem Tolino zu verbessern und uns wirklich mit dem Kunden zu beschäftigen, das ist auch nicht so selbstverständlich. Ich glaube, wir könnten da noch ewig drüber sprechen. Aber vielleicht noch, wie kann man euch denn erreichen oder wo sieht man euch, wo hört man euch, wenn man ein bisschen tiefer noch einsteigen möchte? #00:51:12#

Markus: Also erstmal über unseren Techblog. Ansonsten kann man uns aber auch bei Xing finden, also mich und dich auch, bei LinkedIn, Fabian Brauers und Markus Gruber. Wenn da jemand nochmal in Austausch gehen möchte kann er sich super gerne jederzeit einfach bei uns melden. #00:51:39#

Roman: Prima. Seid ihr auf irgendwelchen Meetups oder Konferenzen unterwegs oder macht ihr irgendwelche internen Veranstaltungen, wo man mal vorbeikommen könnte? #00:51:47#

Fabian: Ja, hier in Münster gibt es ein Meetup, das heißt Münster macht agil. Da sind wir jetzt nicht jedesmal unterwegs. Das kommt immer so ein bisschen darauf an wie das zeitlich passt, denn wir sind beide Familienväter. Aber kommt man jetzt aus dem Bereich Münster, ist man erstmal herzlich dazu eingeladen da mitzumachen. #00:52:09#

Markus: Die Thalia-Kollegen sind immer da, weil die auch zum Teil Initiatoren dieser Veranstaltungen sind. #00:52:14#

Roman: Fabian und Markus, danke für das Gespräch. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag und viel Erfolg bei der Migration!

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