Headless: Wie mobil können Shopsysteme sein?

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Bei Exciting Commerce erschien gestern ein Beitrag, in dem Jochen auf die aktuellen Entwicklungen bei Shopware eingeht, vor allem auf den Wechsel im Vorstand (Quo vadis Shopware? Backend-Services vs. Frontend-Services). Über Shopware selbst hatten wir in der Vergangenheit bereits öfter gesprochen – etwa im Recap zum letzten Shopware Community Day – und nehmen auch nächste Woche einen Podcast mit den Kollegen auf. An dieser Stelle möchte ich allerdings das zweite Thema des Beitrags aufgreifen, nämlich, was es denn mit dieser ominösen Frontend- vs. Backend-Trennung auf sich hat und wann es endlich eine vernünftige technische Plattform für Mobile Commerce gibt.

Im Mittelpunkt steht in der Diskussion der Begriff headless. Zur Sinnhaftigkeit dieser Metapher kann man sich unterschiedlich positionieren, schon rein allein wegen der Frage, ob man mit dem Suffix „-less“ tatsächlich „Mehr“-wert verkaufen kann. (Bislang funktioniert diese Art des Marketings allenfalls bei Diätprodukten, weniger oder gar kein Zucker und Fett gelten hier bekanntlich als Plus.) Fakt ist jedenfalls, dass der Begriff als Genrebezeichnung in der Welt ist und fleißigst auf Websites und Powerpoint-Folien geschrieben wird. Kein Anbieter, der nicht irgendwann im Pitch die headless-Karte zieht, die derzeit sogar den anderen Joker Cloud sticht.

Rein technisch und aus Softwarehersteller-Sicht ist die headless-Geschichte schnell erklärt und nachvollziehbar. Man nehme die Funktionen und Prozesse, die bei vielen E-Commerce-Szenarien immer wieder auftauchen – Speicherung von Transaktionen, Preisberechnung, Discounts, etc. – und mache diese über eine API erreichbar. Alles das, was von Kundenprojekt zu Kundenprojekt sehr unterschiedlich gehandhabt wird, nämlich das Frontend, wird aus dem Gesamtpaket herausgelöst und über ebenjene API an das Backend angedockt. Durch die Konzentration auf Standards erreicht das Produkt einen größeren Markt und führt zu höheren Umsätzen.

Es gibt Anbieter, die diese Trennung schon von Anfang an und als ursprüngliche Produktidee vorantreiben, wie etwa commercetools oder Moltin, und solche, die erst vor Kurzem auf den headless-Zug aufgesprungen sind und eine Hybrid-Lösung anbieten: bei Magento, Shopware und Spryker etwa können Kunden die klassischen Frontend-/Template-Funktionen verwenden, aber auch über eine API ein separates, individuelles Frontend andocken. Das Kalkül bei letzteren ist neben der beschriebenen Werbewirksamkeit die Einsicht, das sich Frontends eben nur bis zu einem gewissen Maße standardisieren lassen und man gut daran tut, Alternativen anzubieten.

Womit wir genau bei der Mobile-Diskussion sind, die Jochen im zweiten Teil des Artikels führt. Denn bei allem Verständnis für skalierbare und flexible headless-Lösungen: wie und von wem werden denn dann die mobilen Frontends gebaut, die mehr Umsätze und mehr Kundenbindung auf mobilen Endgeräten bringen? Die kurze Antwort: von den Marken selbst, schließlich sind sie es ja, die sich maximal vom Wettbewerb abheben möchten und Wert auf maximale Flexibilität legen – ein Unternehmen wie LEGO etwa wird sich sehr dagegen sträuben, seine mobile Website in einem Frontend-Baukasten zusammenzuklicken und baut verständlicherweise sein eigenes Frontend auf der Basis von React.

Aber natürlich ist nicht jeder wie LEGO. Unternehmen mit wesentlich weniger Reichweite, Budget und Knowhow benötigen ebenfalls Tools, mit denen sie mobile Frontends bauen können, ohne an die Template-Grenzen eines vollintegrierten Shopsystems zu stoßen. Enter Microfrontends oder Frontend-as-a-Service: Unternehmen wie FRONTASTIC oder Mobify (mit dem bezeichnenden Slogan „the head of headless commerce“) bieten mittlerweile Plattformen an, die als Gegenstücke zu den headless-Lösungen fungieren und Entwicklern Tools zum Entwickeln und Testen mobiler Frontends bieten. Wir erleben eine Differenzierung des Genres „Shopsystem“ mit Spezialisten für Benutzer-Interaktion auf der einen und Prozess-Standarisierung und -Skalierung auf der anderen Seite.

Noch ein Schlussgedanke: aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Anbieter von Shopsystemen, wenn sie über die Zukunft des Handels sprechen, das Thema „Mobile“ meistens nur als „Mobile + X“ verstehen, wobei „X“ für Voice, IoT oder eine sonstige Interaktionstechnologie steht. Ein dediziertes Angebot für mobile Anwendungen macht derzeit meines Wissens nur NewStore, wobei hier der Fokus auf dem stationären Handel liegt. In einer Zeit, in der sich Mobile Commerce merklich professionalisiert, befasst sich der überwiegende Teil der Shoptech-Unternehmen also schon mit dem nächsten „Ding“ und lässt damit Raum für neue mobile-Ansätze.

(Bild: pexels.com)

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