Der erwartet unerwartete Schritt: Insight Partners steigt bei commercetools ein

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Als am Montag letzte Woche die ersten Infos bzgl. der neuen Finanzierung bei commercetools über die Ticker ging, musste man schon mindestens zweimal hinschauen. Insgesamt 130 Mio. EUR gibt es von Insight Partners für Anteile an einem Unternehmen, was inzwischen fast 14 Jahre am Markt unterwegs war. Da ich selbst vier Jahre (von 2013 bis 2017) Teil des Teams war, hat es mich besonders für das Unternehmen gefreut. Doch der Weg dahin war weder gradlinig, noch einfach für das Team. Ein kurzer Recap:

(zur Info: Die Geschichte gibt es auch aus der Sicht von Dirk Hörig im ChefTreff-Podcast von Sven Rittau)

Ende 2005 gründeten Denis Werner, René Welches und Dirk Hörig in München die commercetools mit dem Ziel ein neues System für die eCommerce-Welt aufzubauen, welches sich an Salesforce.com orientieren sollte. Inspiriert durch den Erfolg von Demandware (heute Salesforce Commerce Cloud), die im Kern eine Intershop-Lizenz nutzen, um damit ein Cloud-basiertes Shopsystem anzubieten, wollten sie das selbe auf Basis von hybris (heute SAP Commerce Cloud) machen. Das Team hatte bereits mehrere Jahre Erfahrung in der Umsetzung von hybris-Projekten als Inhouse-Agentur und konnten darauf sehr schnell aufbauen: GRID war geboren. 2007 gingen die ersten Kunden live und man konnte auch die ersten Investoren überzeugen, den aufregenden Weg für Cloudprodukte in Europa mitzugehen.

Gegen Ende der Dekade macht sich jedoch die Erkenntnis breit, dass der hybris-Kern eine Skalierung über Partneragenturen schwierig machte. Die Architektur machte eine einfache Entkopplung unmöglich, sodass viele kleinere Anpassungen in der Businesslogik immer in den Core-Modulen erfolgen musste. Man musste also einen anderen Weg einschlagen, um wirklich groß zu werden.

In den Jahren 2011 und 2012 bereite man alles dafür vor. Neues Geld wurde aufgenommen und ein Entwicklungsstandort in Berlin aus der Taufe gehoben. Es schlug die Stunde von SPHERE.IO der ersten komplett API-basierten Shoplösung aus der Cloud. Auf der Exceed 2013 wurde das Produkt erstmals vorgestellt und Ende 2013 gab es die ersten Kundenprojekte auf der neuen Architektur.

Zum damaligen Zeitpunkt wurde es auch langsam eng für commercetools selbst. Einige der Investoren hatten keine Geduld mehr; der Wechsel von GRID zu SPHERE.IO mit dem neuen Team in Berlin hat einiges an Geld verschlungen und der neuartige Technologieansatz machte den Vertrieb im eher konservativen Deutschland auch nicht einfach. Daher musste im Herbst 2014 eine Lösung her.

Zum Glück hatte man einige Monate zuvor eine schicksalhafte Begegnung gemacht und konnte REWE Digital als potentiellen Kunden gewinnen. Das dortige Management konnte sich aber auch deutlich mehr vorstellen, als nur ein einfache Partnerschaft bzgl. des Produkts. Die commercetools Plattform sollte die zentrale Schalteinheit für die neuen Onlineaktivitäten der REWE und das Backbone des neuen Lebensmittelshops werden. Man wurde sich einige, und im August 2014 wurde commercetools zu 100% für 6,5 Mio EUR an die REWE verkauft.

Mit dem neuen potenten Geldgeber im Rücken konnte man den großen Aufschlag planen. Anfang 2015 wurde das Büro in den USA eröffnet und weiter in das Team investiert. In den knapp drei Jahren bis zu meinem Ausstieg im Oktober 2017 wuchs man von etwa 30 Leuten auf 130 und neue Büros wurden überall auf der Welt bezogen: Amsterdam, Jena, London und vor kurzem in Singapur. Inzwischen gehören über 190 Köpfe zur commercetools Familie!

Bei einigen kam über die vergangenen Jahre immer wieder die Frage auf, welchen strategischen Nutzen die REWE noch bei commercetools gesehen hat? Bis heute sind relevante Teile des Shops und insbesondere der Marktplatzfunktionalität auf commercetools aufgebaut. Doch das frühe Investment in die Internationalisierung hat auch gezeigt, dass der Exitpfad von Anfang an die präferierte Strategieoption war. Das REWE-Investment, insgesamt ein mittlerer 8-stelliger Betrag (u.a. 17 Mio. EUR im September 2019), hat sich nun bezahlt gemacht. Ein relevanter Teil der 130 Mio. EUR von Insight Partners wird an den Einzelhändler geflossen sein und man hat weiterhin Anteile an einem wachsenden Unternehmen mit vielen weiteren Optionen für die Zukunft. Gratulation also auch nach Köln.

Nach dem klar war, dass ein Verkauf für REWE angestrebt war, musst noch ein passender Käufer her. Mit Insight Partners hat man einen der renommiertesten VC-Fonds der Welt überzeugen können, dazu aus einer ungewöhnlichen Situation heraus. Dass ein Stratege 100% an einem Unternehmen hält und dann einen relevanten Teil seiner Anteile an einen Risikoinvestoren abgibt, kommt sehr selten vor, zumindest ist mir noch kein solcher Deal bekannt. Umso überraschter war die Szene von einem solchen Abschluss. (Besonderer Verweis an den deutsche-startups Insider Podcast. Die Kollegen müssen sich erstmal fangen…)

Wie schon oben beschrieben, war der „Umweg“ über den Strategen REWE sicher nicht der Regelfall für ein Startup, um eine steile Wachstumsstory hinzulegen. Mein großer Respekt geht an Dirk und das Team auf der ganzen Welt, die durch harte Arbeit und viel Aufopferung stets am Ball geblieben sind und der commercetools-Story nun noch einige Kapitel hinzufügen können. Chapeau!

Bildquelle: https://commercetools.com/news/2019/commercetools-signs-145-million-deal-with-insight-partners-to-accelerate-global-growth.html

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