ICE

Was ICE-Sitzbezüge und E-Commerce 2024 gemeinsam haben

Frohes Neues zusammen! Ich hoffe, Ihr seid alle gut ins neue Jahr gestartet! Für 2024 wünsche ich euch allen Gesundheit, Glück und Zuversicht!

Nun, einer meiner letzten Aktionen im vorangegangenen Jahr war es, für die Internet World Business einen kurzen Beitrag zu schreiben, wie ich die Entwicklung für Shop-Technologie einschätze. (Inzwischen ist die IWB mit W&V fusioniert und der ursprüngliche Deeplink funktioniert leider nicht mehr.) Aber das Zitat lautete:

Die Vielfalt von Shoptech-Angeboten am Markt und die Inbrunst, mit der Buzzwords wie „headless“ und „composable“ allerorten diskutiert werden, lässt annehmen, dass Technologie ein wesentlicher Hebel für das Funktionieren von Geschäftsmodellen im Online-Handel ist. Das ist allerdings überraschend selten der Fall. E-Commerce-Technologie ist schon seit einigen Jahren eine „Commodity“: Junge Unternehmer:innen können sich dank Cloud und SaaS-Plattformen quasi vom Küchentisch aus mit wenig Aufwand und überschaubarem Budget eine global skalierende Infrastruktur zusammenklicken, von der E-Commerce-Pioniere seinerzeit nur träumen konnten. Wenn heutzutage E-Commerce-Projekte scheitern oder sämtliche Zeit- und Budgetgrenzen reißen, hat das sehr oft mit den Egos, unzureichender Kommunikation, mangelndem Mut und fehlendem Know How der Beteiligten zu tun – und nicht mit fehlenden API-Schnittstellen. E-Commerce-Technologie kann heute enorm viel, füllt allerdings keine konzeptionellen Leerstellen in Geschäftsmodellen.

RZ

Zu dieser Aussage habe ich drüben auf LinkedIn ein paar interessante Kommentare erhalten, und ich würde daher gerne ein wenig mehr zu den Hintergründen dieses Abschnitts schreiben. Denn für jemanden wie mich, der mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten sein Geld mit Shoptech verdient, ist diese Aussage möglicherweise etwas erklärungsbedürftig.

Postkutschen und Amiga 500

Damit wir uns nicht missverstehen: Technologie und Technologiesprünge an sich sind natürlich sichtbar und sehr relevant. Stellen wir uns nur einmal vor, Geschäftsreisende müssten 2024 immer noch mit der Postkutsche zu einem Kundentermin zuckeln, statt sich bequem im ICE mit satanisch heißem Kaffee den Mund zu verbrühen. Oder, um ein Beispiel aus unserer Branche zu nennen: Wie sinnvoll wäre es heutzutage, einen LAMP-Stack auf einem Amiga 500 zu installieren, darauf osCommerce laufen zu lassen und auf Basis dieser bestenfalls wackeligen Konstrukts ernsthaft E-Commerce zu betreiben? Genau. Es gibt also Technologiesprünge, die so offensichtliche Vorteile bringen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Diese Sprünge werden allerdings deutlich kürzer, wenn man sich die heute eingesetzten Shop-Technologien ansieht. Das Marktforschungsunternehmen Gartner untersucht in seinem Magic Quadrant for Digital Commerce knapp 20 international agierende Anbieter; hinzu kommen noch eine Handvoll lokaler Anbieter, spezielle Branchenlösungen und Eigenentwicklungen. Natürlich haben diese Lösungen unterschiedliche Zielgruppen und Preisstrukturen. Allen gemeinsam ist aber, dass sich damit professionelle Webshops bauen lassen. Oder, um im Bild zu bleiben: Alle sind Züge, die Passagiere von A nach B bringen – mal schneller, mal langsamer, mal bequemer, mal wackeliger.

Die Cloud als großer Gleichmacher

Meiner Meinung nach war die Nutzung der Cloud der letzte größere Innovationssprung in der Shoptechnologie; seit Anfang der 2000er Jahre ist die Idee von Software-as-a-Service (SaaS) auch im E-Commerce angekommen. Mittlerweile haben alle etablierten Anbieter zumindest eine Cloud-Version, neue Unternehmen setzen ausschließlich auf dieses Distributionsmodell. Selbst headless und composable schreiben sich mittlerweile die meisten Anbieter auf die Website, und natürlich sind auch überall ausreichend API-Schnittstellen für die Integrationen von Drittanbieter-Anwendungen vorhanden.

Wenn heute eine Händlerin oder ein Markenunternehmen auf eine neue Plattform migriert, geschieht dies in der Regel von On-Premise zu Cloud oder von Cloudanbieter „alt“ zu Cloudanbieter „neu“. Und da die Fähigkeiten der Plattformen immer ähnlicher werden, geht es bei der Auswahl um echte Detailfragen. Wir sprechen also, um bei der Bahn-Metapher zu bleiben, von den Sitzbezügen in den Waggons oder dem Duft der Flüssigseife in der Bordtoilette.

Retail is detail

Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: die Details sind wichtig. Wer kennt sie nicht, die Projekte, bei denen „mal schnell“ dieser eine Button an einer bestimmten Stelle angezeigt werden soll und sich das Budget mal eben verdoppelt.

Aber jetzt kommt der Clou: Oft beschäftigen sich Projektbeteiligte so sehr mit den Sitzbezügen im ICE, dass sie elementare Dinge übersehen: Will man überhaupt eine Bahnstrecke oder passt eine Autobahn besser? Hat sich jemand um den Kauf von Grundstücken gekümmert, auf denen Bahnhöfe gebaut werden können? Gibt es überhaupt einen Anschluss an das Stromnetz? Und hat jeder die Handynummer des Projektleiters?

Ihr ahnt, worauf ich hinaus will. Technik ist was Feines. Aber man muss wissen, wofür man sie einsetzt.

(Foto von Ingo Joseph)

Roman Zenner (ShopTechBlog)

Ich beschäftige mich seit mehr als 20 Jahren mit E-Commerce-Technologie und gehe hier im Blog der Frage nach, mit welchen Systemen Marken und Händler:innen ihr Online-Geschäft abbilden.

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