Das Magento-Klassentreffen 2014

Der Mai ist bekanntlich der Monat, in dem die drei führenden Shop-Systemhersteller der Republik die Pforten öffnen und zu ihren jeweiligen Konferenzen einladen. Die erste Veranstaltung fand am 12. und 13. Mai in Leipzig statt, gut 600 Leute besuchten die Meet Magento 2014. Nachdem ich die Tour nach Sachsen im letzten Jahr aus terminlichen Gründen nicht machen konnte, war ich umso mehr gespannt, was es aus dem Magento-Umfeld Neues gibt und wie sich die Community in den letzten zwei Jahren entwickelt hat.

Die Entwickler machen das Licht an

Ebenfalls traditionellerweise fand vor der eigentlichen Konferenz die Developer-Pre-Party statt, deren Besucheranzahl in den letzten Jahren stetig angestiegen ist. Große Teile des SPIZZ in Leipzig wurden zu einer komplett inoffiziellen, anmeldungs-, eintrittsgeld- und sponsorenfreien Magento-Community-Zone, in der man sich auf die anstehenden Konferenztage einstimmen konnte.

Vorangegangen war dieses Jahr auch ein Magento-Hackathon, zu dem sich ab Samstag rund 40 Entwickler getroffen hatten, um im sublab-Hackerspace gemeinsam an Erweiterungen zu arbeiten und verschiedene Entwicklerthemen zu diskutieren. (Einen bebilderten, ausführlichen und amüsant zu lesenden Bericht dazu findet man bei neoshops). Mit anderen Worten: Bevor im Westin-Hotel pünktlich am Montag um 10.00 die Keynote begann, waren schon viele Entwickler in der Stadt, die sich zum gemeinsamen Austauschen, Coden und Feiern getroffen hatten.

Eine Keynote mit Chuzpe

Die Organisatoren Thomas Fleck und Rico Neitzel betraten die Bühne, begrüßten die Anwesenden, bedankten sich bei den Helfern hinter den Kulissen und schworen die Gäste auf die nächsten beiden Konferenztage ein. Soweit so normal. Dann aber griff Rico unter der Überschrift „Off Topic“ in einer Weise ein Thema auf, das mir auf derartigen Events noch nie begegnet ist und sprach in einem dringenden Appell über die NSA-Spähangriffe der letzten Monate. Er griff den sehenswerten re:publica-Vortrag von Sascha Lobo (Rede zur Lage der Nation) auf und warnte vor den Folgen des „ich habe nichts zu verbergen“-Mantras, das oft als Reaktion auf immer neue Enthüllungen bezüglich diverser illegaler Eingriffe in die eigene Privatsphäre vorgebracht wird. Da sich der größte Teil des Publikums tagtäglich mit dem Netz beschäftigt und die ganze E-Commerce-Branche davon lebt, dass Käufer den verwendeten digitalen Kommunikationswegen Vertrauen schenken, war der Anlass meiner Meinung nach gut gewählt. Und weil der Appell aus dem Mund des Community Managers und merklich von Herzen kam, hat dieser Einschub seine Wirkung sicher nicht verfehlt.

Magento und seine Community: Eine Zweck-Ehe mit Höhen und Tiefen

Im Anschluss daran betrat Arnulf Keese, Geschäftsführer von PayPal Deutschland die Bühne und präsentierte einen PayPal-Vortrag, der mit ein paar Magento-Logos hier und da gespickt war. Spontan fühlte ich mich an einen Beitrag erinnert, den ich seinerzeit über die Meet Magento 2012 geschrieben hatte:

After the initial words by German community guide Rico Neitzel, the keynote was delivered by Bas Nawijn, Head of Sales, EMEA. He very routinely trotted out slides (which had previously been used by Roy Rubin and Bob Schwartz at the Imagine Conference in Las Vegas a couple of weeks ago) sporting all kinds of facts and figures such as more than 800,000 in the community (where do those figures come from?) are supporting Magento now and that everything is growing and superb and what have you: more extensions, more certified developers, more yadda yadda.

Während vor zwei Jahren mit Bas Nawijn immerhin noch ein „echter“ Magento-Manager das Podium betreten hatte, stand am Montag der Geschäftsführer eines Unternehmens vor dem Publikum, das – genau wie Magento – von eBay gekauft worden ist. (Der gleichen Logik folgend könnte Amazon seiner erweiterten Kindle-Mannschaft einen Referenten präsentieren, der Neues zum Thema Schuhverkauf bei Zappos vorträgt.) Neben der Personalfrage war auch der Vortrag per se schwierig: Anstelle etwas zu den drängenden Magento-Fragen der Anwesenden zu sagen, wurde ein routinierter Business-Vortrag über die Entwicklungen im Mobile Commerce und das eBay-Ökosystem gehalten.

Diese Art der Vorstellung scheint dabei Methode zu haben, wie ein Blick weiter zurück in die Vergangenheit zeigt. Schon zur Meet Magento 04.2010 habe ich an anderer Stelle festgehalten:

Also no words about the roadmap for the coming Magento versions. Roy Rubin emphasised more than once how important the community was and is for Magento’s success and will be in the centre of attention. Why then, especially the developers wondered, did only Roy Rubin and Michel Goossens (Vice President & GM of EMEA) make it across the Atlantic? Why weren’t they joined by the new international community manager Rhonda Rondeau to connect with the community? And why did not a technical person join the Magento delegation to give members of the developing community the chance to get rid of their most pressing questions?

Das Verhältnis zwischen Community und dem geschäftlichen Teil des Magento-Ökosystems ist also traditionell schwierig, und das nicht erst seit der eBay-Übernahme. Zwar wird jedes Mal in den offiziellen Präsentationen der Wert der Community betont, in realitas werden – und da machte Meet Magento 2014 keine Ausnahme –  die Entwickler in den Keller geschickt, um dort in einem permanent überfüllten Raum bei wenig Sauerstoffzufuhr den Tech-Talks zu folgen.

Terminkollisionen

Die Geduld der Anwesenden wurde in diesem Jahr jedoch auf eine besonders harte Probe gestellt, fand doch die Magento-„Hausmesse“  Magento Imagine zum selben Zeitpunkt in Las Vegas statt. Scheinbar gab es im Vorfeld eine Termin-Überschneidung, die nicht rückgängig gemacht werden konnte. Als die Konferenzteilnehmer in Leipzig sich also am Montag auf den Weg zur traditionellen Abendveranstaltung in der Moritzbastei aufmachten, öffnete die Imagine-Konferenz ihre Tore. Ein Live-Stream sollte für die digitale Verbindung zwischen Sachsen und Nevada sorgen und die beiden Veranstaltungen verbinden. Leider spielte die Technik nicht mit und man musste sich komplett auf Twitter als Informationesquelle verlassen. Viel erfahren gewesen wäre über diesen Stream nicht viel, denn die offizielle Keynote von eBay/Magento war erst für den Folgetag geplant.

Dies hatte den uncharmanten Nebeneffekt, dass zu dem Zeitpunkt, als man sich am Dienstag von der Meet Magento 2014 verabschiedete, erstes Twitter-Feedback mit wirklich relevanten Inhalten aus den Staaten eintrudelte.

Und diese ersten Minuten der Keynote hatten es in sich, wurde neben neuen Software-Versionen für Magento 1 auch eine Roadmap für Magento 2 bekanntgegeben.

Laut offiziellen Angaben wird noch in diesem Jahr eine Beta-Version veröffentlicht, für das Ende 2015 ist eine stabile Version geplant. Diese Neuigkeit und die daraus resultierenden Konsequenzen sind einen separaten Beitrag wert, den ich den nächsten Tagen veröffentlichen werde.

Ein mutiger Vortrag

Erwähnung finden muss noch ein Vortrag mit dem Titel The Harsh Truth of Magento Enterprise, hat er doch für einige Aufregung gesorgt. In seiner Präsentation (die ich leider nicht komplett mitbekommen habe und daher umso mehr auf die Video-Aufzeichnung gespannt bin) legte Tim Bezhashvyly, Chef-Entwickler der 21sportsgroup GmbH, in einer sarkastisch-unterhaltsamen Art und Weise seine kritische Haltung zur Enterprise-Edition von Magento dar. Er führte unter anderem aus, dass sich der Funktionsumfang der Community-Edition durch zusätzliche Module auf den der Enterprise-Edition anheben lasse, sodass die jährliche Lizenzgebühr für letztere fragwürdig sei. Außerdem ging er hart mit Magento-Agenturen ins Gericht, die seiner Meinung nach ihren Kunden Enterprise-Lizenzen vor allem anböten, um ihren Magento-Partnerstatus zu wahren. Durch die Regelung, dass zum Erhalt des Gold-Status beispielsweise der Verkauf von fünf Neukunden-Lizenzen pro Jahr nötig sind und Bestandskundenverträge nicht in die Berechnung eingehen, inzentiviere Magento/eBay dieses Verhalten.

Wenig überraschend sorgte das Thema und die Art der Präsentation für ein gespaltenes Feedback. Beim anwesenden Publikum sorgte er für schon fast frenetisch zu nennenden Jubel:

Der Auftritt von Tim Bezhashvyly wurde am Ende von den Anwesenden mit tosendem Applaus und bejahenden Pfiffen gefeiert. Es war die einzige Session an Tag eins die nach der Eröffnung den großen Saal zum Bersten brachte, weil wohl viele Entwickler bereits mit Spannung auf den Beitrag gewartet haben. (t3n)

Es gab jedoch auch kritische Stimmen: Tobias Zander beispielsweise entgegnete in einem Beitrag, dass es wenig zielführend sei, Agenturen über einen Kamm zu scheren und einzelne Modulanbieter zu „dissen“. Auch andere Kommentatoren führten aus, dass es ein gutes Recht von Magento sei, seine Lizenzpolitik derart zu gestalten; immerhin werde dadurch das Geld verdient, das es möglich mache, das Produkt Magento – und damit die Existenzgrundlage vieler Unternehmen – überhaupt weiterzuentwickeln.

Ein vorläufiges Fazit

Es gibt sicherlich noch mehr über diese Veranstaltung zu sagen. Themen wie die angepeilte Roadmap für Magento 2 und die Ergebnisse des „Future-of-Commerce“-Panels von Tag 1 beispielsweise werde ich in Kürze aufgreifen.

Was mich an meinem Besuch in Leipzig besonders gefreut und auch überrascht hat ist, wie souverän sich sowohl die Community als auch das Orga-Team im Frühjahr 2014 gibt. Trotz der parallel stattfindenden Imagine-Konferenz waren die wichtigsten Köpfe der deutschsprachigen Magento-Welt vor Ort in Leipzig – und zwar nicht nur zur eigentlichen Konferenz, sondern auch zu einem vorangestellten Hackathon-Wochenende und einer unabhängig organisierten Pre-Party. Die Organisatoren brachten das Thema Datenschutz und Privatsphäre auf die Bühne und ließen auch einen hochgradig polarisierenden Vortrag im großen Saal zu. Damit bleibt für mich der Eindruck eines erfrischend aufmüpfigen Entwickler-Klassentreffens, das sich mit den Notwendigkeiten einer Dienstleister-Sponsorenwelt arrangiert hat. Ich freue mich auf das nächste Jahr!

Weitere Quellen:

20 Gedanken zu „Das Magento-Klassentreffen 2014

  1. Björn Schotte

    Ende 2015 stable release – wer verarscht Euch da gerade, rückwirkend betrachtet und auch jetzt?

    Kommt schon. Lasst uns einpacken. Den Sack zumachen. Die wertvollen Entwickler- und damit Innovations-Ressourcen bei den Dienstleistern lieber in andere Systeme stecken, hinter denen mehr Drive steckt oder die noch Drive benötigen. Die technologisch moderner aufgestellt sind.

    Wacht auf.

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    Antwort
    1. timste

      ähm, Björn, in allen Ehren, welche Systeme meinst Du denn? Hast Du Dir auch nur mal ansatzweise die Mühe gemacht die von Dir angesprochenen „Systeme“ zu vergleichen? 

      Wer ist denn Deiner Meinung nach innovativer, besser, schneller, mit mehr Drive?

      Ich kann leider nur feststellen: Ein Kommentar der hier lieber ungeschrieben geblieben wäre!

      Meine Herren und das zum Donnerstag Abend …

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      Antwort
      1. Matthias

        Ich verstehe die Aufregung auch nicht, es sind halt genau die, die dachten, die 2.0 kommt dieses Jahr, die da gejubelt haben und fern jeder Realität und Wirtschaftlichkeit scheinbar in den Tag träumen – um es mal extrem überspitzt auszudrücken. Ich glaube fast jedem Realisten war klar, dass die 2.0 frühestens Mitte nächsten Jahres oder später kommt.

        Was man Magento auf jeden Fall ankreiden kann, ist die Transparenz und die Kommunikation bspw. der Roadmap. Wenn ich das so spät release, dann muss ich auch Fakten schaffen, was Migrationen usw. angeht, damit man potentiellen Kunden die Angst raubt, in riesige Migrationsprojekte zu laufen, wenn man sich jetzt für Magento 1.x entscheidet. 

        Zum Thema Innovation: Wir reden hier von Standardsoftware, die ist per Definition fast immer hinter Innovationen zurück. Woher soll denn auch das Geld dafür kommen, wollen doch scheinbar alle nicht Gold Agenturen nur die CE verkaufen ^^

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