hitmeister-expertenpanel-shopsysteme-2014

Können Shopsystem-Hersteller Innovationstreiber sein?

Beim Hitmeister E-Commerce-Day, der am vergangenen Samstag in Köln stattfand, gab es unter anderem ein Experten-Panel zum Thema Shop-Systeme. Die Teilnehmer des Panels sprachen für die Systeme xt:Commerce, OXID eShop, Shopware sowie den SaaS-Anbieter SEOshop und beantworteten verschiedene Fragen zu Technikauswahl, Internationalisierung und Funktionsumfang. In einem Punkt blieben die Aussagen jedoch vage: Welche Innovationen kann man von Shop-System-Herstellern in Zukunft erwarten?

Am Standard wird nicht gerüttelt

Allen im E-Commerce Tätigen dürfte die Software osCommerce ein Begriff sein. Dieses Shop-System wurde Anfang 2000 veröffentlicht und ist heutzutage immer noch Basis für viele Onlineshops. (Zudem ist der 3er-Entwicklungsstrang von xt:Commerce ein direktes Derivat dieser „Urmutter“ aller Shopsysteme.) Nun hat sich in den vergangenen 14 Jahren viel getan, eins ist aber gleich geblieben: Die Mechanik des Online-Kaufs. Egal ob große kommerzielle Lösungen, Open-Source-Systeme oder SaaS-Plattformen, immer gibt es Kategorie- und Produktdetailseiten, den Checkout-Prozess und eine Mein-Konto-Funktionalität. Besucher finden Produkte, legen diese über entsprechende Schaltflächen in den Warenkorb, loggen sich dann mit ihrem Kundenkonto ein – oder nutzen das optionale Gastkonto – und entscheiden sich im Anschluss für Zahlungs- und Versandarten.

An diesem Status Quo wurde lange Zeit nicht gerüttelt, und auch die Teilnehmer des Panels machten den Zuhörern keine große Hoffnung, dass in diesem Bereich bald Revolutionäres zu erwarten ist.

Systemhersteller in guter Gesellschaft

Das alles ist aber noch kein Grund, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, denn die oben genannten Hersteller befinden sich in guter Gesellschaft. Es braucht nur einen kurzen Blick auf umsatzstarke Onlineshops wie Amazon, Cyberport, Otto oder Zalando um festzustellen, dass auch hier mit der Usability des Onlinekaufs nicht im großen Rahmen experimentiert wird. Selbst für brandneue Online-Shops wie Edited oder prämierte E-Commerce-Websites wie die von Deutsche See gilt: Die Produktpräsentation ist modern und ansprechend, die Mechanik folgt hingegen den bekannten Regeln. Um es also noch einmal deutlich zu formulieren: Selbst moderne Online-Shops und Shop-Systeme verlassen sich in puncto Shop-Usability im Groben auf ein Konzept, das mittlerweile fast 15 Jahre alt ist.

Die Gründe für diese Art von Stillstand scheinen klar zu sein. Immerhin ist es mittlerweile gelungen, einen Standard zu etablieren, der sich auch dem nicht so netzaffinen Publikum des Onlinehandel-Mainstreams erschließt. Die Positionierung von Miniwarenkorb oben rechts oder Filternavigation links ist gelernt und fühlt sich „natürlich“ an; wird von dieser Regel abgewichen, kann schnell umsatzhemmende Verwirrung entstehen.

Woher neue Ideen kommen (könnten)

Wenn also keine Impulse aus dem Lager der System-Hersteller zu finden sind, woher können wir Sie denn dann erwarten?

Ein gutes Experimentierfeld in dieser Hinsicht scheint die mobile Nutzung zu sein. Onlinekäufer müssen mit begrenztem Smartphone-Display-Platz auskommen und können umfangreichen Eingabeformulare, kniffelige Bestellschritte oder Textscroll-Orgien am allerwenigsten gebrauchen.

An dieser Stelle greifen Payment-Provider an, um zumindest den Checkout etwas benutzerfreundlicher zu machen. Bindet der Shopbetreiber PayPal-Express ein, kann der Kunde nur mit Eingabe seines PayPal-Benutzernamens und -Passworts bestellen – seine Adress- und Zahlungsdaten sind ja bereits bei der eBay-Tochter hinterlegt. Einen anderen Weg geht Klarna mit dem jüngst vorgestellten Klarna Checkout: Online-Kunden müssen sich vor dem Kauf nicht einmal mehr für eine Zahlungsweise entscheiden, sondern bekommen die bestellten Produkte standardmäßig auf Rechnung geliefert, falls sie sich nicht – nach der Bestellung! – für eine andere Zahlungsalternative entscheiden.

Darüber hinaus gibt es Entwicklungen, die das Konzept der serviceorientierten Architektur (SOA) aufgreifen und implementieren. Vereinfacht gesagt geht es dabei um verschiedene kleinere Applikationen, die jeweils wenig komplexe (Unter-)Aufgaben bearbeiten und über standardisierte Schnittstellen miteinander kommunzieren können. Durch diesen Verbund lassen sich wiederum komplexe Prozesse abbilden, man hat aber gegenüber monolithischen Softwareprodukten den Vorteil, bei Bedarf kleinere „Rädchen“ des Gesamt-Räderwerks austauschen zu können. Mit dem Produkt SPHERE.IO verfolgt das Unternehmen Commercetools beispielsweise solch einen API-basierten Ansatz. Einzelne Komponenten werden durch Entwickler miteinander verknüpft, um die geplanten Funktionen des Online-Shops umsetzen zu können. Hierbei handelt es sich also um ein Framework, dem einzelne Elemente entnommen und diese flexibel verbunden werden können – ganz im Gegensatz zu einem der oben genannten Shop-Systeme, die als Gesamtpaket konzipiert sind und implementiert werden.

Wir werden an dieser Stelle weiter verfolgen, welche interessanten konzeptionellen Entwicklungen es in dieser Hinsicht geben wird. In Zeiten, in denen Differenzierung im Online-Handel immer wichtiger wird, kann sicherlich ein Aufbrechen altbekannter Muster ein gangbarer Weg sein.

19 Gedanken zu „Können Shopsystem-Hersteller Innovationstreiber sein?

  1. Alexander Ringsdorff

    Moin Roman,

    am Ende deines Artikels sprichst du aus meiner Sicht den Kern des Umbruchs in Richtung neuer Innovation an. Das Konzept der SOA ist vergleichbar mit dem Sterben der Software Suite und Nutzung von spezialisierten Programmen. Gedanklich stammen die Shopsysteme noch aus der Zeit in der man wie bei Office, SAP etc. eine Suite mit vielen Programmen und Funktionen kauft, damit sie gut miteinander integriert sind. Das Problem ist aber, dass niemand in allen Feldern Marktführer sein kann. Aus diesem Grund wird auch den e-Commerce das Denken in Komponenten (anstelle von einem großen System was alles kann) erreichen müssen. Es wird vermutlich nie jemand die Newsletterfunktion von Magento genutzt haben, da man hier lieber Marktführer wie Mailchimp verwendet. Trotzdem war das sicher eine Checkbox bei der Auswahl des Shopsystems als der Händler sich entschieden hat.

    Hier ist also noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten!

    P.S. Zum Thema death of the suite: http://www.bvp.com/blog/bessemer-cloud-computing-law-3-death-suite-long-live-best-breed-and-even-best-feature

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  2. Udo Butschinek

    Hallo Roman,

    wir hatten uns ja schon darüber unterhalten und ich bin genau der gleichen Ansicht, dass diese starre Struktur wie sie sich etabliert hat aufgebrochen gehört. Die  Shopbetreiber selbst können da natürlich auch etwas tun.

    Ich habe schon vor einiger Zeit dazu einen Artikel gepostet:
    http://www.content-driven-ecommerce.de/onlineshops-anders/

    Der Ansatz von commercetools ist übrigens super und gefällt mir sehr gut. 

    Viele liebe Grüße,

    Butsch

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  10. Norbert

    Der Ansatz von Commercetools ist interessant aber aufwändig, wenn man sein ganzes Frontend selbst schreiben muss. Meistens hat man gar nicht die Zeit und das Budget dafür, sondern passt nur eine bestehende Lösung für den Kunden an. Leider sind die existierenden Lösungen alle mehr oder weniger monolithisch, so dass man dann schnell an den Punkt kommt, wo die Umsetzung von Kundenwünschen aufwändig und teuer wird.

    Beide Ansätze haben daher im Endeffekt das gleiche Problem: Für Kunden, die kein Budget von mehreren 100k € haben kann nicht das realisiert werden, was sie sich vorstellen – und das verhindert auch Innovation. Ein hybrider Ansatz kann meiner Ansicht nach mehr herausholen: Einerseits ein Set von Standardkomponenten um schnell zu einem Ergebnis zu kommen, andererseits müssen diese Komponenten beliebig austauschbar und anpassbar sein.

    Wenn man dann noch die besten Systeme für den jeweiligen Zweck kombinieren kann (wieso sollte ein Shopsystem Newsletter versenden können, wenn es dafür sehr viel bessere CRM Lösungen gibt), dann kann man sich SEINEN Shop so zusammenbauen, wie es dem Shopbetreiber vorschwebt. Arcavias verfolgt so einen Ansatz und ist im wesentlichen eine Komponentenbibliothek, die sich in andere Applikationen nativ integrieren lässt.

    Auf dem eCommerce Camp in Jena gab es dazu einen Vortrag:
    http://www.slideshare.net/arcavias/arcavias-high-performance-ecommerce

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