14. Juli 2024

Magento: Im Migrations- und Enterprise-Dilemma

Ich muss mal wieder etwas über Magento schreiben. In den letzten Wochen hatte ich viele Gespräche, in denen es vor allem um die Frage ging: Was macht Magento? Was macht Adobe mit Magento? Und: wie können wir als Freelancer und kleinere Agenturen, die in den letzten 10+ Jahren ein wunderbares Leben mit und um Magento hatten – und das trotz des unsäglichen eBay-Intermezzos – in Zukunft weitermachen?

Kurzer Rückblick: knapp 1,5 Jahre ist es her, dass Adobe angekündigt hat, Magento zu kaufen. Seinerzeit hielten sich die Kommentare der Skeptiker („Was soll denn Magento in diesem Enteprise-Umfeld und wie gehen wir damit um?“) und die der Optimisten („Adobe versteht Open-Source und wird das ganze Ökosystem auf die nächste Stufe heben“) ungefähr die Waage. Mittlerweile hat sich das aus meiner Sicht geändert, die Skeptiker ziehen Konsequenzen und schauen sich nach neuen Lösungen um.

Rico Neitzel, Magentoianer der allerersten Stunde, erster Community-Manager hierzulande, der unter anderem verantwortlich war für die erste Meet-Magento-Konferenz, der sich trotz allem Gegenwind hinter diese Plattform gestellt und mit uns das letzte große Magento-Update aufgenommen hat, postet etwa dieses hier vor einigen Tagen:

A propos Meet Magento: Die Agentur netresearch, die damals zusammen mit Rico dieses erste Treffen der Magento-Community organisiert hatte, wird nun ebenfalls zum Shopware-Partner.

Natürlich ist es schwer, anhand dieser beiden Beispiele einen generellen Trend abzuleiten. Es gibt aber ein paar Fakten, die den Eindruck verstärken, dass es der Magento-Open-Source-Community und allem was dazugehört unter Adobe sehr ähnlich gehen könnte wie unter eBay:

  • Die Marke verschwindet: die jährliche Imagine-Konferenz geht in den Adobe-Summit auf. Auf Messen wie etwa der dmexco in Köln ist Adobe präsent, das Magento-Logo sucht man vergeblich (danke an Carmen für die Richtigstellung, mein Artikel klang danach, als ob Magento sich dort tatsächlich selbst präsentiert hätte)
  • Personal wird ausgetauscht: Wichtige Personen verlassen entgegen gegenläufiger Beteuerungen das Unternehmen. Mark Lavelle, CEO des unabhängigen Magento und wichtiger Anknüpfungspunkt der Community, hat Adobe bereits verlassen.
  • Open-Source verliert an Relevanz: In punkto Funktionsumfang und Aufmerksamkeit legt Adobe klar dem Fokus auf der kommerzielle Magento-Commerce-Version. Lange erwartete und der Community versprochene Funktionen wie das Frontend-CMS Page Builder bleibt nun doch dieser Variante vorbehalten (hier eine detallierte Auflistung der Unterschiede zwischen Magento Open Source und Magento Commerce). Unklar ist, ob die vor einiger Zeit gegründete Magento Association die Belange der Entwickler mit dem entsprechenden Nachdruck durchsetzen kann.

Das Magento-Migrations-Dilemma

Auch die Migrations-Thematik spielt bei der aktuellen Debatte eine wichtige Rolle. Der Support für den ursprüngliche 1er-Strang von Magento (M1) läuft Mitte nächsten Jahres aus, ab dann gibt es keine Updates, keine Patches mehr. Adobe versucht, Partner und Kunden zur Migration auf Magento 2 (M2) zu bewegen, das seit 2015 auf dem Markt ist. Der Haken: nach allem was man hört und sieht haben M1 und M2 außer dem Namen technologisch wenig gemeinsam. So sind automatische Migrationen nicht möglich und Entwickler müssen sich komplett neu zertifizieren lassen.

Betreiben also Händler gemeinsam mit ihren Agenturen einen Shop im M1-Universum – was der weitaus größte Anteil sein dürfte – sind diese in doppelter Hinsicht gekniffen. Zum einen werden sie gezwungen, zu einer neuen Software zu migrieren, was enorme Kosten verursacht, ohne spürbaren Mehrwert zu stiften (im Gegenteil, M2 ist um ein Vielfaches aufwändiger anzupassen, ist insgesamt langsamer und hat noch nicht den Funktionsumfang von M1). Und selbst wenn diese Migration glückt wissen sie zum zweiten nicht, was sie zukünftig im Adobe-Umfeld erwarten können.

Was die anderen Hersteller dazu sagen

Auf der dmexco auf diese Thematik angesprochen reagierten die anwesenden Shoptech-Mitbewerber auf diese Situation mit der Aussage: Für uns ist das wie ein warmer Regen. Egal ob man mit OXID, Shopware, Shopify oder anderen redet – bei commercetools bekomme ich das selbst quasi am eigenen Leib mit – sorgt diese Situation für eine erhöhte Zahl von Migrationsprojekten. Das ist aus der Händlersicht auch nachvollziehbar: wenn die M1-M2-Migration ein vollwertiges Projekt ist, schaut man sich bei der Gelegenheit nach Alternativen auf dem Mark um.

Besonders im Fall von OXID und Shopware ist der Sprung für Agenturen nicht riesengroß: beide Unternehmen bieten sowie Open-Source- als auch kommerzielle Lösungen, basieren auf einem PHP/MySQL-Stack, haben einen umfangreichen Pool an Erweiterungen und auch sonst ein solides Ökosystem. Derzeit hat Shopware wegen seiner neuen 6er-Version bezüglich technologischer Innovation die Nase vorn (Details dazu kann man in unserem aktuellen Shopware-Update nachhören), aber auch OXID scheint neuerdings wieder aus dem Dornröschenschlaf erwacht und bietet eine Cloud-Variante seiner Software.

Etwas anders sieht es bei SaaS-Anbietern wie commercetools und Shopify aus. Denn hier ändert sich das Aufgabengebiet der Agenturen komplett: Entwickler arbeiten nicht mehr mit und an einem Kern, der lokal auf den eigenen Maschinen läuft, sondern mit GraphQL– und REST-APIs im Netz. Erweiterungen und Modifierungen werden in eigenen Anwendungen gekapselt und selbst betrieben, anstatt sie als Code auszuliefern. Aber das ist tatsächlich ein Thema, das einen eigenen Blogbeitrag verdient – stay tuned.

Zum Abschluss die Frage in die Runde: Wie nehmt Ihr die Situation war? Welche Signale sendet Euch Adobe, was erwarten Eure Kunden? Wir freuen uns wie immer auf eine rege Diskussion in den Kommentaren!

(Bild: pexels.com)

Roman Zenner (ShopTechBlog)

Ich beschäftige mich seit mehr als 20 Jahren mit E-Commerce-Technologie und gehe hier im Blog der Frage nach, mit welchen Systemen Marken und Händler:innen ihr Online-Geschäft abbilden.

Alle Beiträge ansehen von Roman Zenner (ShopTechBlog) →