Archiv der Kategorie: In eigener Sache

Die Schöne & die älteren Herren #dhk17

Die Musik schwillt an, die Scheinwerfer richten sich auf die Bühne, das festlich gekleidete Publikum applaudiert begeistert. Eine schöne, blonde Dame in einem atemberaubenden Kleid schreitet langsam auf die Bühne. Während der Applaus langsam abebbt, schaut sie mit einem gewinnenden Lächeln in die Runde und hat bereits jetzt alle Männer im Saal um den Finger gewickelt. Sie kostet die Spannung aus, dann verleiht sie … den Deutschen Handelspreis Kategorie Mittelstand an den Bio-Händler dennwee.

Es sind also nicht die Oskars, nicht die Grammys und es ist auch kein Bambi in Sicht. Miss Tagesschau Judith Rakers sorgt im Maritim Hotel Berlin in der letzten Woche trotzdem für einen Hauch von Hollywood, der sich auch dann noch wacker hält, als in den Dankesreden nicht Gott, Familie und der Regisseur bedacht wird, sondern Worte wie „Sortimentsbreite“ und „EBIT“ fallen.

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Ungefähr neun Stunden zuvor hatte der Deutsche Handelskongress 2017 begonnen, und ich war mit unserem CEO Dirk Hörig dort. Es galt unter anderem, einige Pressetermine wahrzunehmen und uns als zukunftsgewandte Firma zu präsentieren. Für mich persönlich war aber auch eine Menge Neugier Grund für den Trip nach Berlin: Was sind das für Leute, die einem Verband (dem HDE) angehören, der knapp 100 Jahre alt ist, und ihre Veranstaltung schon zum 25. Mal durchführen? Und, was passiert eigentlich, wenn man noch die Politik hinzunimmt und an der Schnittstelle zwischen ihr und dem Handel arbeitet?

Daten, eigene Stärken und die Sache mit den Steuern

Auf der Hauptbühne machte die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali den Anfang und schwor das Publikum auf das diesjährige Motto ein: „Kunden. Vertrauen. Daten.“ Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das so beabsichtigt war, aber es kam sofort eine defensive, skeptische Stimmung auf: Daten werden überall abgehorcht, der Kunde wird gläsern. Auch in den folgenden Vorträgen gerierten sich viele Handelsvertreter als Anwalt der Kunden in Sachen Datensicherheit. Dass diese das vielleicht weniger interessiert – wer hat schonmal die AGB von WhatsApp gelesen? – kam nicht zur Sprache.

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Nach einem Intro vom HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, der im Stakkato durch die Hype-Themen ritt – da war vom Thema „mobile“ bis über AR/VR alles dabei – kam Alexander Birken auf die Bühne, seines Zeichens Vorstandsvorsitzende der Otto-Gruppe. Sein Tenor: Das Unternehmen entwickelt sich stabil, geplant sei ein Wachstum von 12,5 auf 17 Mrd. EUR in den nächsten 5 Jahren. Fußgängerzonen der 80er-Jahre und andere, überkommene Handelskonzepte sagte er keine große Zukunft voraus, betonte aber den hohen Stellenwert des stationären Handels mit dem Hinweis auf den Anteil von immer noch 90%. Einen kleinen Seitenhieb auf Amazon konnte er sich nicht verkneifen und forderte das Publikum auf, einmal die Startseite von Amazon und Otto zu vergleichen und sich zu fragen, wo es denn mehr Erlebnis gebe.

Kurz danach kam dann Amazon auf die Bühne, in Form von Deutschland-Chef Ralf Kleber. Er feuerte sehr routiniert einen Vortrag ab, den man in diesen Tagen öfter hört: Innovationskultur pflegen, konsequent vom Kunden her aus denken und selbstverständlich mit allen Mitteln den „Day 2“ vermeiden. Außerdem warb er für Partnerschaft und betonte die Gemeinsamkeiten. So weit so bekannt. Für Herrn Kleber hätte sein Besuch auf der Bühne auch ein gutes Ende nehmen könnte, hätte die Moderation nicht im Anschluss noch spitz nach Steuervermeidungsstrategien gefragt. Anstatt mit einem schlauen Satz die Antwort charmant zu umgehen, gab er mehrere mit „ähs“ und „öhms“ gespickte Floskelsätze von sich, die das Publikum mit anschwellendem Gelächter quittierte. Da hat den meisten sichtlich gut getan – Herrn Kleber eher weniger.

Abends dann die erwähnte Preisverleihung. Mir war zum dem Zeitpunkt schon sehr viel klarer, wie das Publikum tickt. Im Schnitt weit über 50 und überwiegend männlich galt es nämlich, mit dieser Veranstaltung das Selbstverständnis zu feiern, zu einem illustren Kreis ehrbarer Kaufleute zu gehören, denen es eben nicht nur um Profite, sondern auch um nachhaltiges und soziales Handeln geht. Ablesen ließ sich das an den Preisen: geehrt wurden ein Hersteller von Bioprodukten, ein EDEKA-Händler, der Mehrwegverpackungen in seinen Märkten zulässt und abgelaufene Ware verschenkt, sowie ein Mode- und ein Parfum-Filialist aus Westfalen, die sich in ihrer Heimat stark sozial engagieren. Händler legen Wert auf fairen Wettbewerb (und schon alleine deswegen ist man Amazon und seiner Fiskalkreativität gegenüber sehr skeptisch) und sehen sich eben auch als Altruisten.

Dinosaurier und digitale Allergie

Auch am zweiten Tag lag der Fokus auf die Rolle des Handels in der Gesellschaft. So hielt EU-Kommissar Günther Oettinger eine überraschend flammende Rede auf das westliche Wertesystem und spannte einen atemberaubenden narrativen Bogen von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zur Digitalisierung und führte aus, dass es nur noch wenig Jahre dauern würde, bis die Gewinner und Verlierer dieses Wandels stünden.

Zu erwähnen ist hier noch Pieter Haas, CEO von Media-Saturn. In einem aufrichtigen Vortrag beleuchtete, welche Fehler man vor einigen Jahren gemacht hatte – als man beispielsweise 2008 seinen Onlineshop einstellte, weil er mit €140m EUR Jahresumsatz hinter den Erwartungen zurückblieb. Haas präsentierte eine Unternehmen, das mittlerweile wieder Fuß gefasst im Digitalen gefasst hat und versucht, Filialen und Onlinewelt weiter zu verknüpfen.

Und sterben sie nun, die Analogen?

Ich hatte mir ja im Vorfeld eine Fragen überlegt? Wie reagiert man auf diesem Gipfeltreffen auf den Abgesang des stationären Handels? Als jemand, der sich vornehmlich in der Online-Welt tummelt, und auch da eher den Fokus auf Technologie und weniger auf die Zahlen hat, nicht einfach vorzustellen. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, machten jedenfalls nicht den Eindruck, besonders naiv oder blind für das zu sein, was um sie herum passiert. Viel mehr sieht und hört man Ratlosigkeit. Auch das Thema Finanzierung scheint ein Thema zu sein. Wie Gerd Bovensiepen von PwC anmerkte, investiere Amazon bekanntlich 16 Mrd. USD in diesem Jahr in Forschung und Entwicklung – laut einer eigenen Erhebung seien es selbst bei größeren hiesigen Händlern einstellige Millionenbeträge.

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Auf der Bühne warnten Prof. Gerrit Heinemann schließlich vor der digitalen Demenz einiger Händler. Dr. Kai Hudetz vom IFH Köln hielt fest, dass es zwischen den relevanten Marken im Online-Pureplay und denen im Stationären wenige Überschneidungen gibt – Kanalverknüpfung ist derzeit nicht das Allheilmittel, das viele erhoffen. Oder anders ausgedrückt: Zwei wichtige, einzelhandelsnahe Stimmen aus der Forschung geben als Parole alles andere als ein „weiter so“ aus.

Noch eine Schlussbemerkung: Wenn Pureplay-Evangelisten, ohne sich selbst vor Ort ein Bild gemacht zu haben, mit einem dürren Artikelchen zum Sturm gegen die Analogen blasen, trägt das nichts (gar nichts) zu einer ausgewogenen Debatte bei. Ich selbst werde es auch in Zukunft so weit es geht vermeiden, bei Karstadt & Co. einzukaufen, ich bin ein sehr zufriedener Prime-Kunde. Aber zu Judith und den älteren Herren würde ich immer wieder gehen.

Update:

Beim heutigen commercetools coffee break habe ich auch kurz mit Martin über dieses Thema gesprochen:

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

ShopTechTalks #26: Github is from Venus, Excel is from Mars

Die aktuelle Ausgabe der ShopTechTalks besteht aus einem Live-Mitschnitt meines Vortrags auf dem diesjährigen eCommerceCamp in Jena. Dort habe ich eine Session mit dem Titel „Github is from Venus, Excel is from Mars: Wie sich Entwickler und Business-Entscheider wieder besser verstehen“ gehalten und genauer beleuchtet, warum es in Projekten sogar bei scheinbar Selbstverständlichem so häufig Verständigungsprobleme gibt.

Überrascht hat mich, wie rege die Beteiligung des Publikums war und wie kontrovers teilweise diskutiert wurde. Im Mitschnitt kommt das leider nicht zur Geltung (der Sound war einfach zu schlecht, daher musste ich die entsprechenden Passagen herausschneiden), aber bei Carmen kann man dazu mehr lesen (und sich dabei gleichzeitig prima unterhalten lassen).

Die zugehörigen Slides findet Ihr auf Slideshare.

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

„Tea. Earl Grey. Hot.“ – Amazon und die Sternenflotte

Die ursprüngliche Crew der USS Enterprise – wir einnern uns, die mit Kirk, Spock und Scotty – war schon in der ersten Staffel technologischer Vorreiter. War man in der realen Welt der 60er noch mit Schreibmaschinen zugange, erledigten die Sternenflotten-Offiziere ihre täglichen Arbeiten mittels Tablet-artigen Geräten und kommunizierten mit dem allwissenden Bordcomputer mittels des omnipräsenten Codeworts „Computer“ (wie oft der Enterprise-Computer sich angesprochen fühlte, weil in lockerer Konversation „Computer“ gesagt wurde, ist leider nicht überliefert.)

Aber nicht nur Informationen über sonderbare Planeten und fremde Waffensysteme riefen Kirk & Co. auf diese Weise ab. Sie nutzen diese Art der Mensch-Maschine-Verständigung ebenfalls zu rein „privaten“ Zwecken, etwa wenn Captain Jean-Luc Picard zu seinem Replikator – einer Art 3D-Drucker für Lebensmittel – schritt und sich mittels des Kommandos „Tea. Earl Grey. Hot.“ sein Lieblingsgetränk bestellte. Alles in allem waren Bordcomputer und andere derartige Systeme auf der USS Enterprise allgegenwärtig. Niemand kam auf die Idee, lange Befehle einzutippen um beispielsweise eine interstellare Google-Suche zu starten.

Bleibt nur noch die interessante Tatsache hinzuzufügen (und dann sind wir mit dieser langen Herleitung auch durch), dass die meisten Lebewesen im Star-Trek-Universum das Thema Kapitalismus und Geldverdienen weitgehend hinter sich gelassen hatte – lediglich die Ferengi waren gierige Händlertypen, hatten jedoch große Ohren und fiese Zähne und reichten schon allein optisch, geschweige den moralisch, nicht an die idealistischen Offiziers-Helden in ihren schicken Uniformen heran. Technologie – folglich auch der allgegenwärtige Computer – war ein der Allgemeinheit nützliches Gut und diente allein dem Zweck, das galaktische Leben so komfortabel wie möglich zu machen.

Star-Trek-Technologie im 21. Jahrhundert

Heutige Anwender nutzen  einen Teil dieser Technologie bereits. Die Rede ist hier von den kleinen Akustik-Interfaces, die als Googe Assistant, Microsoft Cortana, Apple Siri und allen voran natürlich Amazon Echo derzeit Furore machen. Die Grundidee: Wie auf der Enterprise wird eine Technologie verwendet, die akustische Befehle in natürlicher Sprache verstehen und bestimmte Aktionen ausführen kann. Verknüpft man die entsprechenden Apps, lesen die  Geräte Wetterberichte vor, regeln die Heizungstemperatur, spielen Musik oder, wie im Fall von Amazon, lassen die Benutzer Produkte in den Warenkorb legen.

Das klingt erst einmal nach einer guten Idee. Das Fernsteuern seiner digitalen Welt per Stimme ist sehr viel schneller und natürlicher, als sein mobiles Gerät zu zücken und dort herumzuwischen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es beispielsweise für blinde bzw. ähnlich eingeschränkte Menschen eine große Erleichterung ist, Technologie auf diese Weise zu nutzen. Und letztlich nutzen wir bei commercetools diese Geräteklasse auch, um zu verdeutlichen, wie wichtig eine API für den Handel der Zukunft sein wird  – diese unterscheidet nämlich nicht, ob eine eingehende Bestellung aus einem Webshop, einer mobilen App oder eben aus einem Gerät wie Echo & Co. stammt.

Amazon lauscht immer (oder: der Paranoia-Absatz)

Es könnte also alles gut sein, wenn mir nicht neulich dieser kleiner Satz von der offiziellen Amazon-Echo-Produktseite aufgestoßen wäre:

Tucked under the light ring is an array of seven microphones that use beam-forming technology and enhanced noise cancellation. With far-field voice recognition, Echo can hear you ask a question from any direction—even while playing music.

Wir haben da also ein Gerät, das mit sieben Mikrofonen Sprache selbst bei schwierigen akustischen Bedingungen empfängt und interpretiert. Das in unserer Wohnung steht, mit dem Internet und unserem persönlichen Amazon-Konto verbunden ist. Und das immer aktiviert ist, weil es ja auf das Code-Wort „Alexa“ hören muss. Merkt Ihr schon, oder?

An Kameras haben wir uns mittlerweile gewöhnt, im Smartphone tragen wir sie mit uns herum, am Rand des Notebooks schauen sie uns an. Doch zumindest haben wir das Gefühl einer Kontrolle, weil man die Linsen noch sieht und gegebenenfalls abkleben kann – wie Mark Zuckerberg jüngst in diesem bekannten Foto.

https://i2.wp.com/www.hackread.com/wp-content/uploads/2016/06/Mark-Zuckerberg-Tape-Facebook-Instagram-1-796x398.jpg?resize=625%2C313&ssl=1

Mikrofone hingegen sind unsichtbar und nehmen Töne komplett unbemerkt auf. So geschehen etwa vor knapp zwei Jahren bei Samsung SmartTVs, die ebenfalls Gespräche aufgenommen und die Daten an ihre zentrale Spracherkennung geschickt hatten.

Amazon argumentiert, dass sein Echo Sprachdaten nur dann versendet, wenn die Übertragung durch das Code-Wort tatsächlich gestartet wird. In der Tat hat das Unternehmen, was Datensicherheit angeht, einen sehr guten Leumund – nicht umsonst betreibt gefühlt die ganze Welt ihre Applikationen auf der AWS-Infrastruktur. Der Software im Echo wird von Sicherheitsexperten bislang ein gutes Zeugnis ausgestellt und ein Auseinandernehmen des Dash-Buttons für den vergangenen 33C3 hat ebenfalls keine gravierenden Sicherheitslücken zutage gefördert. Trotzdem bleiben drei Punkte, die jeder bedenken sollte, der sich einen Echo in die Wohnung stellt.

  1. Je mehr dieser Geräte verkauft werden (nach diesen Angaben sind bereits mehr als 5 Millionen davon über die Ladentheke gegangen), desto attraktiver werden sie als Ziel für Hackerangriffe bzw. desto wertvoller werden damit im Zusammenhang stehende Zero-days.
  2. Auch von staatlicher Seite entwickeln sich naturgemäß Befindlichkeiten: Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass im Rahmen der Ermittlungen von Straf- und Sicherheitsbehörden auch eine Überwachung über Echo & Co. angeordnet wird – der versuchte Zugriff des FBI auf die Sicherheitsinfrastruktur des iPhone ist uns allen noch gegenwärtig.
  3. Als Wirtschaftsunternehmen ist Amazon seinen Anteilseignern verpflichtet, das Überwinden von Kommunikationshindernissen sowie das Ermöglichen von Teilhabe ist nicht das erste Unternehmensziel. Und wenn sich durch Weitergabe und besondere Auswertung von Sprachdaten der Weg zur ersten trillion dollar company der Wirtschaftsgeschichte ebnen lässt -warum nicht?

 

Fazit

Zugegeben, das war ein ungewöhnlich tiefer Griff in die Paranoia-Kiste  – ungewöhnlich auch deswegen, weil ich selbst ansonsten eher offen mit meinen Daten umgehe und mich täglich mit einem hübschen Zoo an Gadgets umgebe. Trotzdem habe ich das Gefühl, dem teilweise unreflektierten Fanboyism der Branche allgemein und einiger Experten-Kollegen im Besonderen etwas entgegensetzen zu müssen – freue mich über einen regen Gedankenaustausch. Ach, wenn nur Jean-Luc das lesen könnte …

Kaffee. Schwarz. Bitte!

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

19./20.April: code.talks commerce special in Berlin

In dieser Woche findet in Berlin erstmalig das commerce special der bekannten code.talks-Entwicklerkonferenz statt. An zwei Tagen geht es – Shopsystem- und Technologie-übergreifend – unter anderem um moderne Architekturen, Microservices und APIs. Ich darf am Mittwoch ein Panel zum Thema SaaS vs. Paas vs. Self-hosted leiten, und freue mich schon sehr darauf, die enge und erweiterte E-Commerce-Familie morgen und übermorgen vor Ort zu treffen.

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

Auf eine spannende Blog-Zukunft!

Nun ist es also soweit. Wie viele von Euch bereits erfahren haben oder sich haben denken können, bin ich seit Anfang der Woche fest bei der commercetools GmbH angestellt. Unter dem schönen Titel Industry Analyst & Content Writer werde ich dort in Zukunft das tun, was ich in den letzten 12 Monaten dort bereits als Freelancer getan habe: Den Shoptech-Markt analysieren, sowie dazu passende Inhalte konzipieren und erstellen. Das aber bringt auch ein paar Veränderungen für dieses Blog mit sich.

Unabhängiges Bloggen

In der Vergangenheit habe ich in allen Posts eine Offenlegung veröffentlicht, in denen commercetools erwähnt wurde. Ich werde auch weiter versuchen, mir einen ungetrübten Blick zu bewahren und in allem was ich tue nachvollziehbar und transparent zu bleiben. Und wer weiß, vielleicht bringt diese neue Perspektive ja auch Vorteile mit sich? Wie es sich entwickelt, wird die Zeit zeigen, ich bin gespannt.

Podcasts

Änderungen kommen bestimmt auch auf die ShopTechTalks zu. Bislang habe ich versucht, ein möglichst buntes Spektrum an Gesprächspartnern vor das Mikrofon zu bekommen, um mit ihnen eine Stunde lang über unterschiedliche Aspekte der Shoptech-Welt zu parlieren. Wird mir das unter den neuen Voraussetzungen weiter gelingen? Schwer zu beurteilen, aber ich würde mich freuen wenn es klappt.

Die Zeit

Derzeit investiere ich Einiges an Zeit, um via RSS-Feeds, Alerts und Twitter den Überblick über die Entwicklungen der Shoptech-Welt zu behalten und sie freitags in den TWiSTs zu verarbeiten. Dazu kommt der Aufwand für die ShopTechTalks.  Eine Podcast-Ausgabe nimmt inklusive Terminabstimmung mit Kandidaten, Vorbereitung, Aufnahme und Schnitt mindestens einen halben Tag in Anspruch. Ob ich mir auch in Zukunft diese Zeit nehmen kann, kann ich aktuell noch nicht sagen. Wahrscheinlich wird es etwas ruhiger werden – der letzte Podcast ist ja auch schon einige Monate alt.

In welcher Frequenz auch immer, eins ist sicher: ShopTechBlog wird nicht zu einem commercetools-Verlautbarungsorgan, sondern bleibt mein (Privat)-Vergnügen, dem ich hoffentlich noch ausreichend Aufmerksamkeit widmen kann.

Shoptech-Innovationen

Vor zwei Jahren wollte ich wissen, ob von den klassischen Shopsystem-Anbietern grundlegende Innovationen ausgehen können. Vor einem Jahr habe ich diese Frage für mich verneint und zeitgleich die Chance bekommen, für commercetools und damit einem Anbieter zu arbeiten, der einen vollkommen anderen Ansatz wählt.

Heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass wachstumsorientierten Händlern und Marken mittel- und langfristig nichts anderes übrig bleibt, als sich von klassischen, starren Architekturen zu lösen und verteilte, flexible Ansätze zu wählen. Natürlich habe ich diesbezüglich ein gewisses Maß an selektiver Wahrnehmung. Es beschäftigen sich aber bereits genug große Händler und Marken, Shoptechnologie-Anbieter, Agenturen und Analysten mit den Themen Entkopplung von Frontend und Backend, SaaS/PaaS/IaaS, APIs und Microservices, um von einem Paradigmenwechsel im internationalen Commerce-Umfeld sprechen zu können.

Es sind also vor allem Unternehmen wie commercetools (sic!), Mozu und Shopify sowie das jüngst ins Leben gerufene Newstore, die derzeit Innovationen vorantreiben. Sie wurden „Post-iPhone“ konzipiert und berücksichtigen mobile und sonstige Zugangsarten nativ, anstatt ein mobiles Theme hier und eine API dort nachträglich anzuflanschen. Fast noch entscheidender: die Genannten bieten einen Service an und zwingen ihre Nutzer nicht zu On-Premise-Lösungen, die regelmäßig gewartet und aktualisiert werden müssen.

Magento, OXID & Shopware

Was heißt das nun für die anderen Systeme, allen voran Magento, OXID und Shopware, die schon aus meiner eigenen Historie heraus den Kristallisationspunkt dieses Blogs gebildet haben? Offen gestanden halte ich es für immer weniger interessant, die Entwicklungen dieser drei im Kern zu beobachten – je tiefer ich in die SaaS-Welt einsteige, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen ihnen. Wenn ein strategisch denkender Händler oder Hersteller mit ausreichend Sachverstand und Budget auf eine kompetente Agentur und einen versierten Hoster trifft, lassen sich mit allen diesen Systemen vernünftige Lösungen erstellen, die auch bis zu einen gewissen Grad skalieren.

Shopware scheint derzeit den besten Run zu haben: Das Unternehmen setzt seine aktuelle Version mit dem Trend- und Wachstumsthema „Content Commerce“ gekonnt in Szene, ist gerade in ein neues, eigenes Firmengebäude gezogen und stellt in der KMU-Zielgruppe hierzulande das Maß der Dinge dar. Solange sich die Schöppinger nicht mit ihrer Enterprise-Strategie verzetteln, sind sie für mich auch die einzigen der drei Kandidaten, denen ich in Zukunft ein tragfähige SaaS-Konzept zutrauen würde.

Magento läuft und läuft. Die Community ist so groß, die Freundschaften so intensiv und die Projekte so lukrativ, dass sich niemand ernsthaft nach Alternativen umsieht oder umsehen muss. Nachdem das Unternehmen seit einigen Tagen wieder komplett selbstständig ist, scheint die Geschäftsführung geradezu betrunken von sich selbst und den Perspektiven der Lösung:

From this day forward, our competition will no longer be able to hide from the power of the Magento platform. We now have a strong, independent voice. We will unleash the full power of the Magento brand. We will flex the full power of our global ecosystem to accelerate our leadership position as the world’s leading commerce platform.

Mit Magento 2, das nach langer Verzögerung tatsächlich bald Realität zu werden scheint, verpasst sich Magento eine Frischzellenkur, hält jedoch an vielen überholten Architekturentscheidungen fest. Aber wie so vieles im Magento-Universum wird auch das erfolgreich weggelächelt.

Um OXID muss man sich ernsthafte Sorgen machen. Schon seit längerer Zeit arbeiten die Freiburger an einer neuen Version Ihres Systems. Eine zeitlang war der Aufbau eines neuen Backends auf Symfony-Basis im Gespräch, aktuell scheint man sich auf einen API-basierten Ansatz zu konzentrieren. Das Unternehmen profitiert noch von einem weitläufigen, professionellen Partnernetzwerk, vielen verschiedenen Standard-Integrationen und einem großen Stamm renommierter Kunden, pumpt aber derzeit nichts Eigenes in sein Ökosystem. Auch bezüglich der eigenen Positionierung befindet man sich in einem Dilemma: Von „unten“ drückt Shopware, das zunehmend für Shop-Umsatzgrößen im zweistelligen Millionenbereich berücksichtigt wird, „oben“ sitzen Lösungen wie hybris, die die wirklich großen Budgets verbuchen können.

Fazit

Mit diesem Blog geht es weiter. Der Kontext verschiebt sich, der Fokus wahrscheinlich auch. Zweifellos gibt es im Shoptech-Bereich viel zu diskutieren, und ich bin auch gerne weiterhin dabei!

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

TWiST #41: Ein paar Termine und eine Shopsystem-Studie

Wie in jeder Woche: Der Freitag ist da und wir schauen uns an, was in den letzten Tagen in der ShopTech-Welt geschehen ist.

  • Neue Termine für die OXID-Usergroup sind verfügbar. Außerdem erläutert Rüdiger Nitzsche von gn2, mit welcher Entwicklungsumgebung sein Team arbeitet.
  • Z-Ray-Debugging-Tools für Magento, Drupal und WordPress wurden veröffentlicht.
  • Elasticsearch wird unter anderem bei der Elasticsearch User-Group in Berlin (27.01), beim Search Meetup Karlsruhe (29.01.), der OOP-Konferenz in München (29.01) und beim Search Meetup München (05.02.) thematisiert.

Und zum Schluss in eigener Sache: Im letzten Jahr habe ich an einer Shopsystem-Studie (Shopsysteme in Deutschland 2015) zusammen mit dem EHI gearbeitet  – diese kann man jetzt vorbestellen.

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).

Zusammenarbeit mit SPHERE.IO

Wer dieses Blog aufmerksam verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass ich mich zunehmend für alternative Konzepte bezüglich Shop-Software interessiere. Ein wichtiger Meilenstein in diesem Zusammenhang war sicherlich die Diskussion, die sich rund und nach dem Beitrag Können Shopsystem-Hersteller Innovationstreiber sein? entsponnen hat. Die Frage, ob Software-Monolithen á Magento, OXID und Shopware, die sich in puncto Benutzerführung und Einkaufsprozess seit den frühen 2000ern nicht geändert haben und konsequent vom Desktop gedacht sind, wirklich die idealen Rezepte für den digitalen Handel von morgen mitbringen, muss ich für mich nach zahlreichen Gesprächen (zum Teil in Podcasts) und Workshops immer stärker verneinen.

Vor diesem Hintergrund beobachte ich schon seit längerer Zeit das Team von commercetools und ihre E-Commerce-Plattform SPHERE.IO. Die Idee, E-Commerce-Infrastruktur von einer Plattform- und vor allem API-Seite zu denken und im Modell auch genügend Raum für den Einsatz quelloffener Software zu lassen, halte ich für folgerichtig und zukunftsweisend. Und da darüber hinaus auch die viel zitierte aber oft unterschätze „Chemie“ stimmt, haben wir uns entschlossen, in Zukunft enger zusammenzuarbeiten. Ich werde SPHERE.IO strategisch und operativ unterstützen und das an den entsprechenden Stellen auch transparent kommunizieren.

Ansonsten ändert sich. Nichts.

Roman Zenner ist schon seit 2001 im E-Commerce aktiv. Er hat führende Fachbücher zu bekannten Shopsystemen verfasst, publiziert regelmäßig in Fachmagazinen zu E-Commerce-Technologie und arbeitet seit 2015 als Industry Analyst & Content Writer bei commercetools (REWE-Gruppe).